Der Tagesspiegel : Erlebnis-Landwirtschaft

Claus-Dieter Steyer

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Wer heute zum BrandenburgTag auf die Grüne Woche geht, sollte sich auf eine Materialschlacht einstellen. Die rund 90 Stände in der Brandenburg-Halle haben sich in den letzten Tagen tonnenweise mit Prospekten, Broschüren, Landkarten, Hotel- und Pensionsverzeichnissen, Veranstaltungsplänen und weiteren Informationen eingedeckt. Ginge es nur nach Gewicht, wären die Agrarprodukte, all die Käse-, Wurst- oder Saftspezialitäten lediglich Beiwerk.

Die Brandenburg-Präsentation gleicht in diesem Jahr eher einer Tourismus- Messe als einer Bauern-Schau. Vor allem die Ausflügler aus der Großstadt freuen sich. Sie können aus einem beachtlichen Angebot wählen. Landgasthöfe bieten Wanderungen an, Bauern fahren mit ihren Gästen zu den Tieren auf der Weide, Hotels legen eigene Radtouren auf, kleine Pensionen organisieren Ausflüge, Landfleischereien versprechen Übernachtungen in einem Planwagen auf dem Hof. Es gibt Kochkurse, Hoffeste und Kultur auf dem Bauernhof. Die Erwartung dieser Unternehmungen in den Dörfern ist immer dieselbe: Wir locken die Menschen mit Erlebnissen aus der grauen Stadt hinaus. Und wenn sie hier sind, werden ihnen unsere kulinarischen Besonderheiten serviert. So ist auch der Absatz von Eiern, Milch, Fleisch oder Gemüse gesichert. Ja, ohne den touristischen Anteil würde sich der Vertrieb oft kaum lohnen.

Dennoch war es weiter Weg, ehe sich die Bauern und Gastwirte auf dem Lande tatsächlich auch als Werber für den Tourismus begriffen. „Bei mir kommt kein Fremder auf den Hof“, war lange Jahre die Einstellung, Türen und Fenster fanden sich stets verrammelt. Die alteingesessenen Gasthöfe begnügten sich mit dem örtlichen Stammpublikum.

Doch die Zeiten erlauben das nicht mehr. Gerade auf dem Land wird die Bevölkerung immer älter, so dass die Gaststätten auf Besucher von außerhalb angewiesen sind. Und läuft das Geschäft gut, können auch die Bauern im Dorf zufrieden sein. Das hat schon vor Jahren der Oberhavel-Bauernmarkt aus Schmachtenhagen bei Oranienburg erkannt. Seine Betreiber fahren die Gäste mit einer Eierbahn zu den Hühnerställen, holen regelmäßig Kunsthandwerker herbei und lassen Blasmusikanten auftreten. Ohne dieses zusätzliche Unterhaltungsangebot würden sich wohl kaum hunderte Berliner jedes Wochenende auf den Weg zum Bauernmarkt machen. Wo sie frische und gesunde Produkte kaufen und nebenbei Einblicke ins Landleben gewinnen.

Zur Grünen Woche haben natürlich auch die Aussteller aus Schmachtenhagen viele touristische Prospekte mitgebracht. Wetten, die Besucher decken sich dankend damit ein?

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