Der Tagesspiegel : Erst der Fleischer, dann der Schröder

Die große Politik trifft sich im kleinen Genshagen. Doch die Leute im Ort haben wichtigere Probleme als das deutsch-französische Gipfeltreffen

Claus-Dieter Steyer

Genshagen. „Schnell, Lisa, er ist da!“, ruft eine Frau in bunter Kittelschürze aufgeregt und lautstark über die Dorfstraße von Genshagen. „Nun beeil dich schon“, mahnt sie die gelangweilt aus dem Fenster blickende Bekannte. „Sonst verpassen wir es wieder.“ Eine Minute später laufen die beiden Frauen in großer Eile zum Dorfanger. Fernseh-Reporter heften sich an ihre Fersen: Endlich scheint sich jemand für das deutsch-französische Gipfeltreffen im frisch renovierten Schloss des Dorfes zu interessieren, glauben sie. Doch die beiden Rentnerinnen laufen am schwer bewachten Parkeingang ohne jeden Blick nach rechts vorbei. Ihr Ziel ist der Anger, wo sie leicht erschöpft, aber mit großen Augen stehen bleiben: Das „Hackfleisch-Mobil“, wie ein Fleischer aus Trebbin seinen Verkaufswagen genannt hat, öffnet seine Luken.

Schröder und Chirac? „Was interessieren die uns denn schon?“, fragt die ältere der beiden Frauen kopfschüttelnd. „Die reden doch nicht über die Sorgen von uns kleinen Leuten.“ Vor drei Jahren, als der Bundeskanzler zum ersten Mal in den Ort am südlichen Berliner Autobahnring gekommen sei, habe sie noch am Schlosstor gestanden. „Im Fernsehen wirkt er immer so elegant. Da wollte ich ihn mal leibhaftig sehen.“ Aber sie mahnt ihre Bekannte schon wieder zur Eile: Das „Frische-Mobil“ biegt um die Ecke, bringt Brot und Brötchen ins Dorf. Der bisherige Lebensmittelladen ist schon seit Jahren dicht.

In Sichtweite zum Schloss steht Reinhard Komitsch hinter dem Tresen seiner Kneipe. Im Fernsehen hat er heute zum ersten Mal seit „uralten Zeiten“ wieder n-tv eingeschaltet. Als die Pressekonferenz von Schröder und Chirac beginnt, macht er eine Kopfbewegung: „Tatsächlich, da steht Genshagen“, erklärt er einem mit dem Rücken zum Fernseher sitzenden Stammgast. Doch der rührt sich nicht. „Der Schröder müsste mal hierher kommen. Da würde ich ihm viel erzählen, wie sich ein Arbeitsloser fühlt.“ Als der Kanzler und der Präsident an die Mikrofone treten, dreht Kneipier Komitsch den Ton aus. „Seit die den Euro eingeführt haben, geht’s mit uns bergab. Die Leute haben kein Geld mehr für die Gaststätte.“ Selbst der große Sicherheitsapparat, der seit Tagen das Gelände rund um das Schloss bewacht, sei aus seiner Sicht arm dran. „Nicht ein einziger Polizist oder Geheimdienstler hat sich bei uns auf ein Bier blicken lassen.“ Der Schröder habe mit einfachen Leuten einfach nichts am Hut.

Dabei hätte Reinhard Komitsch kein Problem, in seiner Kneipe „Zum goldenen Eber“ ein großes Bankett auszurichten. „Die Baronin von Eberstein, der das Schloss bis 1945 gehörte, feierte hier ihren 90. und sogar vor zwei Jahren ihren 100. Geburtstag“, erzählt der Mann. Ein Gast wirft ein, dass die „feine Dame“ auch Geld im Dorf gelassen habe. „Sie unterstützte sozial schwierige Fälle.“ Schade, dass sie im Vorjahr gestorben sei. Aber sie habe sich immerhin über die Renovierung ihres Schlosses durch das Deutsch-Französische Institut gefreut. Aus dem Nachbarhaus der Kneipe schaut eine 74-jährige Frau aus dem Fenster. „Dort, wo jetzt die beiden Staatsmänner sitzen, haben wir Rentner unsere Weihnachtsfeier verlebt“, sagt sie stolz. „Das Kaminzimmer ist wirklich nett.“ Überhaupt sei das Institut eine feine Sache für das knapp 1000 Einwohner zählende Dorf. Sie zählt die Namen von drei Frauen auf, die jetzt im Schloss putzen und sich über den Job freuen. „Sonst ist ja hier weit und breit nichts, höchstens auf den Reiterhöfen.“

Doch auch deren Gäste nehmen kaum Notiz vom Gipfeltreffen. „Über Steuersenkung reden die ja nicht“, murrt ein 58-jähriger Berliner. „Alles wird teurer, vielleicht hätte Schröder auch als Kanzler zurücktreten sollen.“ Er meckert lauthals, um sich dann wieder seinem Pferd „Räuber“ zu widmen. Die ganze Woche über lässt er seinen Liebling in einer Genshagener Pension betreuen – für fast 400 Euro im Monat.

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