Der Tagesspiegel : Erster Prozesstag gegen Wolf dauerte nur 10 Minuten: Ex-Minister sagte kein Wort

Thorsten Metzner

"Wer begrüßt mich denn?", raunt Jochen Wolf im Flur den dichtgedrängten Journalisten zu. Der 60-jährige ExPolitiker mit dem immer noch markanten Vollbart trägt keine Handschellen. Er blickt direkt in die Kameras, als er am Donnerstag in den Saal 015 des Potsdamer Landgerichts geführt wird und ein Blitzlichtgewitter losgeht, so wie er es einst als Bauminister in Brandenburg immer genoss. Das Medieninteresse ist immens bei diesem Prozessauftakt: Noch nie saß in Deutschland ein Ex-Minister wegen versuchter Anstiftung zum Mord auf der Anklagebank.

Trotz der äußerlich-demonstrativen Kühle, trotz der kerzengeraden Körperhaltung, ist Wolf, der Jeans mit weißem T-Shirt unter grauen Kragenpulli erschien, die Anspannung anzumerken bei diesem ersten, wenn auch unfreiwilligen, öffentlichen Auftritt seit Ewigkeiten. Leer verliert sich sein Blick, er einst so stechend war, hinter den gelblich getönten Brillengläsern. Doch ist er ein innerlich gebrochener Mann? "Ich weiß auch nicht so genau, wie es mir geht", antwortet Jochen Wolf, der in der Untersuchungshaft in der Haftanstalt Brandenburg/Havel einen Selbstmordversuch unternahm.

Rätselraten auf den vollen Gerichtsfluren, ehe die Verhandlung beginnt: Wird Jochen Wolf Reue zeigen? Oder wiederholt er seine abenteuerlichen Verschwörungstheorien, nach denen er über eine Politintrige zur Mord-Anstiftung verleitet worden sei? Dies alles bleibt an diesem ersten Verhandlungstag völlig im Dunkeln. Vorerst will Jochen Wolf schweigen, will abwarten. "Ich kann gar nicht reden. Mein Anwalt spricht für mich", sagt er nur.

In der Anklageschrift wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, in den Jahren 1997 bis 2001 zwei Mal einen Killer gedungen zu haben, der seine Ehefrau Ursula umbringen sollte. "Er wollte sie töten lassen", liest Staatsanwalt Peter Mitschke mit ruhiger Stimme. Wolf habe dies getan, weil Ehefrau Ursula durch ihre Blockade der Scheidung das Zusammenleben mit seiner neuen Partnerin Oksana verhinderte, und weil er sich finanziellen Verpflichtungen durch Alimente entziehen wollte. Als Vergütung für die Tat seien 15 000 Mark vereinbart worden, heißt es weiter. Wolf habe angeboten, eine Schusswaffe bereitzustellen, habe bei dem letzten Treffen "einen Beweis verlangt", dass der Mord begangen worden sei. Keine Miene verzieht Jochen Wolf, während er den Anschuldigungen zuhört. Nur sein Blick geht verstohlen die Stuhlreihen durch, als suche er nach vertrauten Gesichtern.

Es dauert keine zehn Minuten, dann ist der Prozessauftakt auch schon vorbei: Die Verhandlung wird kommenden Dienstag fortgesetzt. Und Stefan Waldeck, Wolfs neuer Verteidiger, lässt sich nicht in die Karten gucken, wie er den Ex-Politiker angesichts der erdrückenden Beweislast, angesichts des Geständnisses bei den Vernehmungen raushauen will. Es sei "möglich", dass Wolf sich äußern werde, sagte Waldeck. Allerdings deutet er an, dass es "interpretierbar" sei, die Aussagen Wolfs als Geständnis anzusehen. Auch über die Gründe, weshalb sich Wolf von seinem bisherigen Verteidiger Sven-Oliver Milke getrennt hat, hält sich der junge Anwalt - es ist sein erstes spektakuläres Verfahren - bedeckt. Aber zumindest hat Waldeck bereits die mediale Verteidigungsstrategie geändert: Nein, keine offensive Vermarktung Wolfs mehr, der der Super-Illu im Herbst ein Interview gab, der auch mit privaten Fotos die Boulevardzeitungen füllte. Hat dies dem Ex-Bauminister geschadet? "Ich hätte ihm dies nicht geraten", sagt Waldeck dazu nur. "Das wird jetzt anders gehandhabt." Für Jochen Wolf wäre das neu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben