Der Tagesspiegel : Erster Tauchgang in der "Südsee": Unterwassersport findet immer mehr begeisterte Anhänger - Ein Selbstversuch

Claus-Dieter Steyer

Der letzte Schritt ist der schwerste. Jetzt rückwärts einfach in den See fallen lassen? Mit diesem schweren Gepäck auf dem Rücken, den unförmigen Schwimmflossen und dem Schlauch im Mund? Tauchlehrerin Silvia gibt das Kommando. "Einfach vom Steg reinplumpsen und unter Wasser ganz ruhig atmen", sagt die junge Dame. "Ich komme gleich nach". Ein Rückzug käme einer Blamage gleich, obwohl das Herz doch recht aufgeregt schlägt. Schließlich hat sich die erfahrene Sportlerin in ihrem Schnupperkurs so viel Mühe mit den Erklärungen und Demonstrationen der Ausrüstung gegeben. Außerdem ist der Tauchgang im Senftenberger See für Anfänger ohne Tauchschein die Ausnahme. In der Regel finden solche Ausflüge unter Wasser in der nahen Schwimmhalle statt.

Also wird der Sprung gewagt. Das Abenteuer kann beginnen. Doch das ist leichter gesagt, als getan. Denn nach dem Untertauchen will der Körper instinktiv schnell wieder an die Oberfläche. Aber diesen natürlichen Drang verhindern die Bleistücke am Gürtel. Alles Herumfuchteln mit Armen und Beinen hilft nichts. Erst jetzt fällt der Groschen. Es ist doch Tauchen angesagt und nicht Baden. Die Luft kommt aus dem Schlauch und die Hilfe von nebenan. Die Tauchlehrerin fasst eine Hand und schon schweben wir in die Tiefe. Nach einer Weile verschwinden der Druck von den Ohren und das Wasser aus der Brille. Das von erfahrenen Tauchern immer wieder beschriebene Gefühl der Schwerelosigkeit kann nun ausgekostet werden.

Angesichts von mehr als 3000 Seen in Brandenburg herrschen hier ausgezeichnete Bedingungen für den Tauchsport - sowohl für Profis als auch Amateure. Zwar gibt es keine Korallenriffe mit einer unbeschreiblichen Farbenpracht und gar wundersamen Fischen, aber dennoch verzeichnen die Tauchclubs gerade rund um Berlin einen erstaunlichen Zulauf. Ein großer Teil der Interessenten macht hier seine Tauchscheine für den nächsten Urlaub in der Karibik, im Stillen Ozean oder vor Australien. Nicht nur die Erlebnisse unter Wasser fallen in diesen Gefilden ganz anders als in Brandenburg aus. Allein zwischen den jeweiligen Wassertemperaturen liegen doch Welten.

Im Moment weist der Senftenberger See zwischen 18 und 20 Grad Celsius auf, obwohl sich der Steg für die Taucher in der "Südsee" befindet. Doch das ist nur eine reine geografische Bezeichnung entlang des 1967 aus einem ehemaligen Braunkohle-Tagebau entstandenen Gewässers. Während an anderen Stellen täglich Tausende Gäste ein Bad im See genießen, gibt es an der Tauchbasis gar kein Leben im Wasser. Saures Grubenwasser lässt Tiere und Pflanzen ersticken. Gerade Tauchanfänger stören sich daran nicht, kann so doch der Nebenmann problemlos gesichtet werden. Außerdem gibt es dennoch viel zu entdecken. Schon in einigen Metern Tiefe kann echte Braunkohle mit den Händen abgebrochen und als Souvenir mit nach Hause genommen werden. Vor der aus Naturschutzgründen nicht betretbaren Insel im See steht ein beeindruckender Wald im Wasser. Außerdem hat der Tauchverein "Dino" vor einigen Jahren ein ausgedientes Passagierschiff versenkt. Es dient nun als Ziel für kleine und große Expeditionen.

Nach einer halben Stunde befindet sich wieder fester Boden unter den Füßen. Jetzt wird die Anmeldung zu einem richtigen Tauchkurs ernsthaft in Erwägung gezogen.

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