Der Tagesspiegel : Ertanzte Bilder: Rhenga Rodewill lässt Techno-Rhythmen den Pinsel führen

Hanne Bahra

Techno-Rhythmen lassen die Spanplattenwände erzittern, wenn Rhenga Rodewill ihr Atelier in der alten Forstverwaltungsbaracke in Babelsberg betritt. Die Handgelenke kampfbereit mit Tapband umwickelt, vier Pinsel und ein Malmesser zwischen den Fingern, umtanzt sie die Malgründe wie ein Torero den Stier. Gleich wird sie wieder zustechen. Farbe, Schicht um Schicht in Richtung Leinwand geschleudert, spritzt auch auf Fußboden und Wände. Traumsicher tänzelt Rhenga Rodewill zwischen unzähligen Farbtöpfen und versetzt sich in Trance. Körperlicher Einsatz bis zur Erschöpfung. Dabei erfasst der strömende Rhythmus alles um sie herum.

Schließlich "vereint mit der eigenen Wildheit" entstehen in dieser Symbiose aus Tanz und Malerei kosmische Sphären, Unterwasserwelten, Vulkanausbrüche und Orkanböen. Der aus dem pakistanisch-indischen Sprachraum entliehenene Namen Rhenga steht für "die Farbige". Die mit Bürsten, Spachtel oder mit der Hand aufgetragenen Acryl- und Ölfarben werden zu Raum, Form und Struktur. Gräser als Pinsel benutzt, hinterlassen Spuren. Glatte Oberflächen sind der Malerin zuwider. Später darf der Betrachter gern das Werk mit der Hand berühren. Nur der Schöpfungsakt ist tabu. Obwohl ihr der Malvorgang ebenso wichtig ist wie das Ergebnis, darf kaum jemand Zeuge dieser lustvollen Selbstinszenierung sein.

Die Geburt ihrer Bilder gestaltet Rhenga Rodewill so zum wohlkalkulierten Geheimnis. Überhaupt hat bei ihr das Chaos viel Methode. So entsteht die dominierende Farbstimmung schon vor dem ekstatischen Agieren im Kopf. Arbeiten wie "Dreaming of phantasy", ein wogenes Blütenmeer in heiteren Orange-, Blau-, Grün- und Gelbtönen, unter Tangoklängen geboren, zeigen, was die Künstlerin noch bewegt: eine Sehnsucht nach Harmonie durch integrativ gesteuerte Gefühlsaufwallung. "Die Welt ist uns allen bruchstückhaft geworden. Setzen wir sie neu zusammen!", lautet die Botschaft ihrer "Neuen Romantik". Einst ermutigt von ihrem Lehrer Will D. Nagel, Freund Jackson Pollocks, orientiert sich die heute 52-Jährige mit ihren dynamischen "Dance Paintings" an der Tradition der Aktionskunst des abstrakten Expressionismus. Doch erst 1997 zeigte die ehemalige Ausdruckstänzerin ihre Bilder in der Öffentlichkeit. Inzwischen ist es das erklärte Ziel dieser energiegeladenen Frau als Erfinderin des "Dance Paintings" in die Kunstgeschichte einzugehen. Zunächst aber wird sie mit ihrer Kunst nach Florenz reisen.

In ihrer Nominierung zur dritten Biennale, die Künstlern ein weltweites Forum bieten will, sieht sie eine große Chance für einen neuen Akt auf der Lebensbühne. 40 000 Gäste besuchten die Kunstschau im Dezember letzten Jahres. Zum Werk, mit dem sie nach Florenz reisen will, gibt es bisher nur den quadratischen 1,80 mal 1,80 Meter großen Rahmen. Und eine Idee: hell soll es sein. Wenn sich die lichten Farbströme dann über die Leinwand ergießen, wird sich das Babelsberger Atelier wieder in einem Kampfplatz der Leidenschaften verwandeln.

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