Erziehungswissenschaftler zu Missbrauch : "Die Diskussion läuft in die falsche Richtung"

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Foto: promo

Deutschland diskutiert intensiv über sexuellen Missbrauch. Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth über die Debatte, den moralischen Beginn von Missbrauch und gesunde Erziehung.

Was zeigt uns die Debatte, Herr Tenorth?



Wir dürfen Erzieher nicht unter Generalverdacht stellen. Natürlich gibt es Missbrauch. Aber den gibt es leider auch unter Gleichaltrigen und in Familien. An wen sollen sich die Kinder wenden, wenn sie hinter jedem Erwachsenen einen Gewalttäter vermuten? Im Moment läuft die Diskussion in die falsche Richtung.

Wohin sollte die Debatte gehen?

Ich habe großen Respekt vor Pater Klaus Mertes (Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Anm. d. Red.), der öffentlich sagt, dass der Umgang seiner Kirche mit Sexualität anders werden muss.

Andere Geistliche werden es schwer haben, wieder in alte Muster zurückzufallen.

Der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, hat sich dafür entschuldigt, als Leiter der Regensburger Domspatzen Kinder geohrfeigt zu haben.

Auch hier sollte man darauf achten, die Trennschärfe beizubehalten. Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche ist ein gänzlich anderes Thema als derartige Erziehungsformen. Sie sind zu missbilligen, aber nicht gleich.

Ist eine Ohrfeige kein Missbrauch?

Doch, aber das ist eine ganz andere Dimension. Missbrauch fängt schon moralisch an, wenn der Erzieher ein Kind beispielsweise vor einer Gruppe erniedrigt und sagt: „Du bist blöd!“ Eine ganz andere Qualität hat sexueller Missbrauch, der Kinder ein Leben lang traumatisiert.

Wie funktioniert gesunde Erziehung?

Das Verhältnis zwischen Kindern und Pädagogen muss stimmen, Selbstbestimmung, Anerkennung und Autorität ausbalanciert sein. Und ich glaube, dass dieses in Deutschland gar nicht so falsch ist. Wir haben eine Entwicklung durchgemacht, zum Teil zwischen Extremen: zuerst das tradierte Verständnis von Erziehung, sogar mit Lehrbüchern darüber, wie Kinder aus pädagogischer Sicht richtig zu verprügeln seien. Und dann kamen die ’68er, Kinder wurden für mündig erklärt, ohne eine Differenz zu Erwachsenen. Plötzlich sollte man seine Sexualität auch mit Kindern ausleben dürfen. Das war zu viel der Liberalität. Beide Extreme waren gefährlich, aber sie gelten aktuell nicht mehr.

Daniel Cohn-Bendit hat sich dafür entschuldigt, in seinem 1975 erschienen Buch sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen verharmlost zu haben.

Es ist natürlich gut, wenn sich jemand zu seiner Mitschuld bekennt, auch wenn das höchstens eine mittelbare ist. Aber es deutet an, was vielleicht noch zu kurz kommt: Es wäre wünschenswert, wenn auch Täter befragt und sich äußern würden; die alte Leitung der Odenwaldschule ist doch sehr stumm. Ein ehemaliger Lehrer einer anderen Schule hat vor kurzem die von ihm verübten Misshandlungen eingestanden. Natürlich empfinde ich deshalb kein Mitleid mit ihm, aber er sollte nicht allein stehen.

Heinz-Elmar Tenorth ist Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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