Der Tagesspiegel : Es gibt ihn: den Aufschwung Ost

Rathenows optische Industrie lag am Boden – heute kommt jede zweite Brillevon dort

Claus-Dieter Steyer

Rathenow. Alle reden über den Aufbau Ost, hier ist ein positives Beispiel: 1990 arbeiteten in Rathenow 6000 Menschen in der Fertigung von Brillen, Mikroskopen und anderen feinmechanischen Geräten. 1994 waren es nur noch 250, heute sind es wieder rund 1200 Angestellte. Vergangenes Jahr wurden 11,6 Millionen Brillen in Deutschland verkauft. Jede zweite kam aus Rathenow. Am Donnerstag besuchten Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und Brillenhersteller Günter Fielmann den Ort der einzigartigen brandenburgischen Erfolgsgeschichte.

Vor etwas mehr als zwei Jahren eröffnete Fielmann in Rathenow sein Produktions- und Logistikzentrum mit derzeit 683 Mitarbeitern. „Nirgendwo sonst fanden wir eine derartige Konzentration von Fachkräften“, begründete er seinen Einstieg in der Stadt im Nordwesten Brandenburgs. Auch die Tradition von Rathenow als Stadt der Augenoptik habe eine Rolle gespielt. Schließlich wurde hier 1801 die industrielle Herstellung von optischen Gläsern begründet. Fielmann zog allerdings nicht in die alten Produktionsstätten der Rathenower Optischen Werke, sondern ließ ein modernes Werk vor den Toren der Stadt errichten. „Hohe Produktivität und günstige Preise“, nannte der deutsche Marktführer in der Augenoptik sein Erfolgsgeheimnis. „Es gibt durchaus Unterschiede zwischen Ost und West“, sagte der 64-Jährige. „Die Ostler sind besonders engagiert und flexibel“. Das zeige sich nicht zuletzt in den jährlichen Wettbewerben der Azubis, bei denen meistens die Sieger aus dem Osten kommen. Nicht nur deshalb hält er die aktuelle Diskussion über den vermeintlich gescheiterten Aufbau Ost für einseitig. „Wir haben in ganz Deutschland über unsere Verhältnisse gelebt, deshalb sind überall Einschnitte nötig.“ Niedrigere Löhne dürften nirgendwo mehr ein Tabu sein, da sie mehr Arbeitsplätze schaffen würden.

Für sein Rathenower Unternehmen machte Fielmann allerdings Einschränkungen: Hochmoderne Brillen seien mit niedrigen Löhnen nicht zu produzieren. Platzeck begeisterte sich bei seinem Rundgang besonders für venezianische Brillen, die dank ihrer großen fantasievollen Rahmen den Frauen das Schminken nicht nur im Karneval nahezu ersparen. „Mit solchen Ideen gewinnt man Märkte, während wir mit dem Preis allein kaum im Wettbewerb bestehen können“, sagte Platzeck auch mit Blick auf die kleinen optischen Betriebe mit 20 bis 50 Mitarbeitern, die vor einigen Jahren in Rathenow gegründet wurden.

„Unsere Chance ist der Erfindungsreichtum“, sagte Joachim Mertens, Chef der Firma Optotec, die Geräte für Augenoptiker produzieren. „Nur mit Neuheiten halten wir uns.“ Er sprach sich vehement gegen das Ende des jetzt so heftig kritisierten „Gießkannenprinzips“ bei der Fördermittelverteilung aus. „Wir brauchen eine Gleichbehandlung.“ Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) gab ihm teilweise Recht: „Wir müssen Firmen künftig direkt unterstützen und nicht mehr Gewerbegebiete auf Vorrat finanzieren, die niemand braucht.“

Platzeck schaute in Rathenow gut gelaunt in zahlreiche Fernsehkameras. „Der Aufschwung Ost ist nicht gescheitert und das Geld aus dem Westen ist nicht irgendwo versickert“, sagte er. Ohne die Transferzahlungen würde die Arbeitslosigkeit im Osten nicht bei 20, sondern bei 80 Prozent liegen, mutmaßt der Regierungschef. „Wir brauchen nur mehr Geduld“, sagte er und fuhr in die Niederungen des Alltags zurück.

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