Der Tagesspiegel : Es gibt viel zu erzählen

In Potsdam treffen sich 400 Märchenforscher zu einem internationalen Kongress. Die schönsten Geschichten sind für ihr Publikum

Sandra Dassler

Potsdam. Es war einmal ein Land, in dem über die alten Märchen nur noch abfällig und spöttisch gelächelt wurde. Die Menschen bezeichneten sie als altmodisch, grausam und unpädagogisch. Moderne elektronische Apparate unterhielten schon die zweijährigen Kinder – die ehrwürdigen Märchenerzähler fanden keine Zuhörer mehr. Da fassten sich die letzten von ihnen ein Herz. Sie trafen sich im westfälischen Schloss Bentlage und gründeten – weil sie nicht nur die deutschen Geschichten mochten – die Europäische Märchengesellschaft.

Von nun an waren sie stets auf der Suche nach neuen märchenhaften Orten für ihre jährlichen Kongresse. Vor zwei Jahren stießen sie dabei auf die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam. Dort fanden sie nicht nur freundliche Helfer wie den jetzigen Oberbürgermeister Jann Jacobs, sondern auch Räume, die für ihre Zwecke wie geschaffen schienen. Denn während ihres Kongresses in der nächsten Woche wollen die Märchenerzähler nicht nur unter sich bleiben, sondern in bester Tradition so viel Publikum wie möglich erreichen. Und wo könnte man die alten russischen Märchen besser erzählen als in der ehemaligen russischen Kolonie Alexandrowka? Wo würden sich französische Märchenexperten wohler fühlen als in der Französischen Kirche?

Altes Rathaus, Filmmuseum, Belvedere auf dem Pfingstberg - zwölf verschiedene Häuser wurden gefunden. Mehr als 400 Teilnehmer des Kongresses werden dort ab 24. September auf all’ jene Bürger treffen, die sich für eine Weile verzaubern lassen wollen. Viele Schulklassen haben sich schon angemeldet. Und manches Elternpaar hat für den Nachmittag das Kinderprogramm eingeplant und für den Abend die „Erotischen Märchen“ in der Galerie Samtleben. Am 27. September steht die Lange Nacht der Märchen an. Dann wird 18 Uhr an allen Orten erzählt – der Eintritt ist meist frei.

Für die Kongressteilnehmer werden es anstrengende Tage. Sie diskutieren in 22 Arbeitsgemeinschaften die neuesten Ergebnisse der Märchenforschung. Denn inzwischen haben längst auch Wissenschaftler den Wert der alten Geschichten entdeckt: Psychologen wissen, dass sich die Muster der Märchen in der menschlichen Psyche widerspiegeln. Therapeuten nutzen die heilende Wirkung von Mythen für die Heilung von Kranken. Altenpfleger berichten, dass bettlägerige Patienten es sehr schätzen, wenn ein Geschichtenerzähler zu ihnen kommt. Historiker bewerten manche Sachverhalte mit Hilfe der Volksmärchen völlig neu. Ein Höhepunkt des Kongresses wird die Vorführung italienischer Maskenbauer sein. Denn auch die Märchenerzähler selbst müssen sich weiterbilden. Schließlich kommt es nicht nur auf die Stimme, sondern auch auf Mimik und Gestik an, wenn sie ihre Zuhörer bannen – und auch in Zukunft nicht aussterben wollen.

Informationen im Internet unter:

www.maerchen-emg.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben