Der Tagesspiegel : Es soll ein Ruck durch Frankfurt gehen

Die Oderstadt feiert am Wochenende die Verleihung der Stadtrechts vor genau 750 Jahren. Was sie aber vor allem braucht, ist mehr Bürgersinn, sagt ihr Oberhaupt

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder). Im lockeren Wettstreit zwischen den zwei gleichnamigen, doch so unterschiedlichen Städten zog der kleinere Gegner den Kürzeren. Frankfurt (Oder) unterlag in der neuen ARD-Show „Deutschland- Champion“ ganz knapp und unglücklich der Metropole am Main, wie der Sprecher der Stadtverwaltung der Oderstadt den Medien verriet. Zumindest dort ist damit die Spannung aus der am morgigen Samstagabend ausgestrahlten Sendung heraus. „Aber“, so begründete der Pressesprecher seinen Verrat, „die Frankfurter und ihre Gäste haben am Wochenende ohnehin keine Zeit zum Fernsehen.“ Denn die Feierlichkeiten zum 750-jährigen Stadtjubiläum würden am Wochenende kaum jemanden zu Hause lassen. In zwei Urkunden vom 12. und 14. Juli 1253 wurde Frankfurt das Stadtrecht verliehen.

Zwischen Freitagabend und Sonntagabend verwandelt sich die Stadt in eine große Partymeile mit Markttreiben, Musik und Unterhaltung. Höhepunkt ist am Sonntag ab 11 Uhr der große Festumzug mit 2000 Mitwirkenden und einer Länge von 1750 Metern. Mehrere zehntausend Gäste werden erwartet.

Solch großes Gewimmel gab es letztmalig 1978 zur 725-Jahr-Feier. Damals lockten allerdings weniger die Schlagerstars und die Vorführungen historischer Handwerkskunst die Massen an. Pflaumenmus, Tomatenketchup aus Werder und Negerküsse aus Grabow, hießen die Zugmittel in der damaligen Mangelwirtschaft. Die gab es endlich mal, und nicht nur an einem, sondern gleich an mehreren Ständen, an denen sich schnell lange Schlangen bildeten.

Damals war Frankfurt auf dem Weg zur „sozialistischen Großstadt“ mit bald 100 000 Einwohnern. Das Halbleiterwerk entwickelte sich zum Großbetrieb mit 8000 Jobs. Baukombinate für neue Wohnviertel am Frankfurter Stadtrand und in Berlin wurden aus dem Boden gestampft, es herrschte sogar Mangel an Arbeitskräften. Daher kamen viele Beschäftigte auch aus der ehemaligen Frankfurter Dammvorstadt, die seit 1945 zu Polen gehört und Slubice heißt. Doch im Herbst 1980 war es mit dem pass- und visafreien Verkehr über die Oderbrücke erstmal vorbei. Der DDR war die Gewerkschaftsbewegung in Polen zu unheimlich geworden.

Sowohl Frankfurt als auch das 17 000 Einwohner große Slubice entwickelten sich separat voneinander. Und das Verhältnis ist nicht ungetrübt. Bis heute verhindern Frankfurter Taxi-Fahrer eine Buslinie über die Oderbrücke. Slubice beteiligt sich auch nicht an den Jubiläumsfeiern. Immerhin sind in der Stadt 5000 Flyer in polnischer Sprache verteilt worden, um die Einwohner ans andere Oderufer zu locken.

Grotesk erscheint heute noch an vielen Stellen das Frankfurter Stadtbild. Die Oder ist regelrecht versteckt worden. Erst mit dem auf der Insel Ziegenwerder im Mai eröffneten Europagarten ist der Fluss wieder mehr ins Bewusstsein vieler Frankfurter gerückt. „Wir haben ein Identitätsproblem der Menschen mit ihrer Stadt“, sagt auch Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU). „Die reiche Geschichte Frankfurts als Handels- und Universitätsplatz ist vielen gar nicht vertraut.“ Auch deshalb sei es bislang schwierig, einen echten Bürgersinn zu mobilisieren. „Vielleicht geht mit dem Stadtjubiläum jetzt ein Ruck durch die Einwohner“, hofft er.

Die werden freilich immer weniger. Derzeit zählt der Ort trotz mehrerer Eingemeindung nur noch 67 000 Einwohner. Bestenfalls der Bau der geplanten Chipfabrik könnte die Abwanderung stoppen. Doch dieser ist bekanntlich immer noch fraglich.

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