Der Tagesspiegel : Es war passive Sterbehilfe und kein Mord

Gericht sprach Arzt vom Vorwurf der Tötung eines Schwerkranken frei. Doch es bleiben Zweifel

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Frankfurt (Oder) - Der Tod eines 57-jährigen Mannes auf der Intensivstation des Krankenhauses Strausberg bleibt trotz vieler Zweifel an den genauen Umständen ohne strafrechtliche Konsequenzen. Der verantwortliche Arzt Wilfried K. wurde gestern vom Landgericht Frankfurt vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen.

Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und Berufsverbot für den 50-jährigen Mediziner gefordert. Dieser habe sich gegenüber einem hilflosen Patienten als „Herr über Leben und Tod" erhoben und eigenmächtig lebensrettende Apparaturen abgeschaltet. Außerdem soll er eine Reanimation verweigert und eine die Atmung lähmende Substanz gespritzt haben. Doch das Gericht betrachtete den Fall als eine zulässige passive Sterbehilfe für einen tödlich erkrankten Patienten. Für die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gebe es keine ausreichenden Beweise.

Ende Januar 2001 war Dieter S. mit einer akuten Herz-Muskel-Schwäche auf die Intensivstation des Strausberger Krankenhauses gebracht worden. Dort musste er künstlich beatmet werden. Am Morgen des zweiten Tages verschlechterte sich der Zustand erheblich. Als Oberarzt der Anästhesieabteilung entschloss sich Wilfried K. zum Abschalten aller Überwachungs- und Atmungsgeräte, um – wie er sagte – das Leiden des Patienten zu beenden. Der Stillstand des Herz-Kreislauf-Systems stand nach Aussage des Angeklagten unmittelbar bevor.

Doch durch die Scheibe des Nachbarzimmers machte eine damals ein Praktikum absolvierende Ärztin ganz andere Beobachtungen. Sie stellte ein Röcheln und ein Herumrudern des Patienten fest. Erst danach habe der Oberarzt die tödliche Injektion verabreicht. „Dieses Bild wird mich das ganze Leben verfolgen", sagte sie in ihrer Zeugenvernehmung.

Vor allem auf diese Aussage stützte die Staatsanwaltschaft ihre Anklage. Sie zeige, dass der Patient nicht an seiner Erkrankung gestorben, sondern getötet worden sei – durch ein Abschalten der Geräte. Staatsanwältin Anette Bagenda bezweifelte die Angaben des Angeklagten. „Für eine Sterbehilfe gab es keinen Grund und keinen Zeitdruck", erklärte sie. Auch eine Konsultation mit Fachkollegen habe der Oberarzt nicht gesucht. Damals gab es Gerüchte über zahlreiche ungewöhnliche Todesfälle im Krankenhaus Strausberg. Inzwischen arbeitet Wilfried K. an einem anderen Brandenburger Klinikum.

Seinen Freispruch begründete das Gericht vor allem mit fehlenden Beweisen. und Motiven. Das Röcheln und Rudern mit den Armen sei von Gutachtern als letztes Aufbäumen vor dem Tod beschrieben worden. Die Zeugin habe dasmöglicherweise fälschlich für einen Mord gehalten. Außerdem habe der Arzt kein Motiv für eine Tötung gehabt. ste.

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