ETA : Terror auf Mallorca: Operation Käfig

Rasterfahndung, Trauerfeier und das Jubiläum einer Terrororganisation. Wie erlebte Mallorca den Tag nach dem Anschlag?

Marc Mudrak,Ralph Schulze[Madrid]
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Fotos: Reuters (3), dpa (2), AP; Montage: Lobers

Der Flugverkehr nach Mallorca hat sich normalisiert. Die Lage auf der Insel noch nicht. Die Polizei sucht nach den Attentätern und die Menschen trauern um die zwei getöteten Polizisten.

Wie ist die Situation auf Mallorca?

Trauer, Wut und Tränen – Die Gesichter der spanischen Staatsrepräsentanten, die am Freitag vor den zwei Särgen der ermordeten Polizisten Abschied nehmen, drückten das Entsetzen über den Anschlag aus. Die getöteten Diego Salva Lezaun (27) und Carlos Sáenz de Tejada (28) wurden zunächst im Almudaina-Königspalast in der Inselhauptstadt Palma aufgebahrt. Danach folgte ein Trauergottesdienst in Palmas berühmter Kathedrale. Spaniens sozialdemokratischer Regierungschef Jose Luis Zapatero steht im schwarzen Anzug neben dem konservativen Oppositionsführer Mariano Rajoy. Auch Spaniens Thronfolger, Prinz Felipe, und seine Frau Letizia sind gekommen. Die Politiker wollen die Einheit der Demokraten gegenüber den Terroristen der ETA demonstrieren. Wenigstens heute, am Tag nach dem schlimmsten Anschlag in der Geschichte der Ferieninsel Mallorca. In der Vergangenheit wurde der schon lange dauernde Terror der ETA regelmäßig vom politischen Krieg zwischen Zapatero und Rajoy über die Anti-Terror-Politik begleitet.

Besonders besorgt auf Mallorca sind die Hoteliers. Denn das Urlaubsgeschäft läuft dieses Jahr ohnehin schlecht. Mehr als zehn Prozent weniger Gäste kommen im Vergleich zum Vorjahr. Wegen der globalen Wirtschaftskrise, welche die Reiselust bremste. Dann kam die Schweinepest, die sich an Orten des Massentourismus besonders schnell verbreitet. Und nun auch noch der Terrorismus. Wenigstens „kurzfristig“, glaubt Aurelio Vazquez, Chef des Hotelverbandes, „wird das die Nachfrage beeinträchtigen.

Wie wird nach den Attentätern gesucht?

„Die Mörder haben keine Chance sich zu verstecken“, droht Zapatero. „Sie können nicht abhauen. Der Justiz nicht entkommen. Sie werden verhaftet, verurteilt und ihr Leben im Gefängnis verbringen.“ Am Freitag durchkämmten tausende Polizisten und Anti-Terror-Experten die Mittelmeerinsel. Sie kontrollieren jeden, der über die Häfen und den Flughafen in Palma das Urlaubsland verlassen will. Sie glauben, dass die Täter noch auf der Insel sind. „Operation Käfig“, nennt die Polizei ihre Fahndung.

Auf der ganzen Insel gibt es Straßenkontrollen. Per Rasterfahndung werden alle Gäste-Anmeldelisten der Hotels, Appartementhäuser und Campingplätze überprüft. Einige Wohnungen werden durchsucht. Tausende Autos, auch von Urlaubern, gefilzt. Verdächtig sind vor allem Personen zwischen 20 und 30 und Personen mit kleinem Gepäck. Denn die ETA-Terroristen sind selten älter. Man vermutet, dass sich die Bombenleger als Touristen tarnen. Beim letzten spektakulären ETA-Terrorakt auf Mallorca kamen die Terroristen mit einem Segelboot von Frankreichs Küste aus. Das war im Sommer 1995, als ein Kommando versuchte, Spaniens König Juan Carlos mit einem Präzisionsgewehr im Hafen von Palma zu erschießen. Das konnte im letzten Moment vereitelt werden. Die Königsfamilie verbringt jeden August seinen Sommerurlaub auf Mallorca – auch in diesem Jahr. Die Fahndung nach den Attentätern gleicht einer Suche im Heuhaufen. Rund 850 000 Einwohner hat die Insel. Im Sommer befinden sich dort meist doppelt soviele Menschen. Zehn Millionen Touristen jedes Jahr, rund ein Drittel der Besucher sind Deutsche.

Wie gehen Touristen mit der Situation um?

Das Auswärtige Amt warnt auf seiner Homepage zwar, dass weitere Anschläge nicht auszuschließen seien. Aber: „Es gibt keine Anzeichen von Panik oder Beunruhigung“, sagt Nina Kreke, Pressesprecherin des Reiseveranstalters Thomas Cook. Die meisten Touristen reagierten besonnen. Bisher habe niemand seinen Urlaub wegen der Vorkommnisse abgebrochen, sagte Kreke weiter. „Die Touristen auf der Insel haben vor allem ein großes Informationsbedürfnis.“ Das versuchen die Reiseveranstalter unter anderem dadurch zu befriedigen, indem sie Flugblätter unter den deutschen Touristen verteilen. Darauf werden die Informationen des Auswärtigen Amtes zur aktuellen Lage weitergegeben. Thomas Cook richtete am Donnerstag eine Spezialhotline ein. Doch die sei nicht Anspruch genommen worden, erklärte das Unternehmen. Mit ein Grund für die Gelassenheit dürfte sein, dass der Ort des Anschlages, Palmanova im Südwesten der Insel, von Deutschen nur wenig besucht wird. „Dorthin reisen vor allem Engländer“, berichtet Anja Braun vom Reiseunternehmen Tui.

Kann man von einer Reise zurücktreten?

„Eine Stornierung muss schriftlich beim Reiseveranstalter eingereicht werden“, erklärt Gabriele Francke von der Verbraucherzentrale Berlin. Im Fall von Mallorca liefe das wie bei allen anderen Reisen auch. Bei Flugverzögerungen, die durch die Sperrung des Flughafens ausgelöst wurden, haben die Reisenden allerdings keinen Anspruch auf Schadenersatz. Die Verspätungen sind einer sogenannten „höheren Gewalt“ zuzuschreiben, dafür haften die Fluggesellschaften nicht. Wer allerdings eine Rundreise auf Mallorca gebucht hat und diese in Folge der Anschläge nicht wie vorgesehen antreten konnte, kann zumindest einen Teil seines Geldes wieder bekommen. „Bei erheblichen Beeinträchtigungen besteht Anspruch auf Schadenersatz“, sagte Verbraucherschützerin Francke. Gleiches gelte bei Pauschalreisen.

Rechnen Reiseveranstalter

mit vielen Stornierungen?

Auch in Deutschland reagierten die Mallorcaurlauber unaufgeregt. Zwar seien die Ereignisse noch frisch und die vollen Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Deutschen können noch nicht gezogen werden, sagt Kreke von Thomas Cook. „Doch bisher haben wir keine Stornierungen verzeichnet.“ Im Frühjahr 2002, nach dem Attentat gegen deutsche Touristen auf der tunesischen Ferieninsel Dscherba, sei das anders gewesen. „Da war der Betroffenheitsgrad deutlich höher und mehr Urlauber haben ihren Flug storniert“, sagt Tui-Pressesprecherin Anja Braun. Bei Thomas Cook sind nach eigenen Angaben zwar Anrufe von besorgten Kunden eingegangen. „Doch die wollten vor allem Informationen, ob sie wie geplant fliegen könnten“, erklärte Kreke. Am Freitagmorgen hätten alle Mallorcareisende ihren Flug angetreten.

Hat es die Eta auf Touristen abgesehen?

Touristen gehören nicht explizit zur Zielgruppe der Eta. Diese wolle vielmehr die klassischen Vertreter des ihnen verhassten spanischen Zentralstaats treffen, erklärt Günther Maihold, Spanienexperte und stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Allerdings würden andere Todesopfer in Kauf genommen, sagt Maihold. Francke von der Verbraucherzentrale rät deshalb ängstlichen Malloractouristen, große Menschenansammlungen zu meiden.

Führt Spanien einen erfolgreichen Kampf gegen die Eta?

Zuletzt war die Terrorgruppe zumindest stark geschwächt. Mehrmals konnte die Polizei in den vergangenen Monaten Terrorführer festnehmen. Mehr als 50 ETA-Mitglieder wurden seit Jahresbeginn verhaftet. Offenbar muss die Bande nun auf immer jüngeren Terrornachwuchs zurückgreifen. Die Polizei spricht von „Hitzköpfen“, die wenig Erfahrung haben, aber immer brutaler vorgehen. Rund 200 kampfbereite Terroristen soll die Eta derzeit in Nordspanien und in Südfrankreich haben. Gleich mehrere bewaffnete Kommandos könnten derzeit in Spanien mit Autobomben unterwegs sein, warnen die Geheimdienste. Etwa 800 Eta-Mitglieder sitzen im Gefängnis. Und immer mehr Verhaftete rufen reumütig die noch mordenden Gesinnungsgenossen draußen auf, das Töten zu lassen und nur noch auf politischem Wege die Ausweitung der baskischen Autonomie oder die Unabhängigkeit voranzutreiben. Die Appelle verhallten bisher ungehört.

Wie hat sich die Eta in den vergangenen 50 Jahren entwickelt?

Es sieht ganz danach aus, als ob die Eta ihr 50-jähriges Bestehen mit einerschon lange nicht mehr erlebten Bombenwelle feiern will. Genau am 31. Juli 1959 gründeten baskische Studenten die Gruppe, damals als Widerstandsbewegung gegen die spanische Franco-Diktatur (1939-1975). Nun bombt die Terrorgruppe, die sich aus fanatischen baskischen Separatisten speist, gegen die Demokratie. Annähernd 850 Menschen brachte die Bande bisher um. Sie will so die Unabhängigkeit des nordspanischen Baskenlandes erzwingen. „Die Eta stirbt nicht aus, wie vielfach behauptet wird“, sagt SWP-Experte Maihold. Umfragen unter Jugendlichen im Baskenland haben ergeben, dass 28 Prozent der 14- bis 16-Jährigen die Anwendung von Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung von Interessen betrachten. Von dieser Einstellung wird die Eta auch künftig zehren können, glaubt Maihold. „Wir stehen nicht vor einer neuen, großen Anschlagserie“, sagt er. Die Eta wollte sich die Eta „wieder zu Wort melden“ und beweisen, dass sie auch nach 50 Jahren noch eine „handlungsfähige politische Kraft“ sei.

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