Der Tagesspiegel : Eurospeedway Lausitz: Blutstau in der Steilwand

Claus-Dieter Steyer,Reinhart Bünger

Die Warnung war kurz und deutlich: "In der Steilwandkurve sackt dir das Blut in den Kopf. Mensch, da wird dir ganz schwindlig." Der Mann aus dem Audi TT quattro hatte eben einen seiner "schönsten Augenblicke des Lebens" erlebt: Das Auto mit dem eigenwilligen Design, vor Jahresfrist wegen eigenwilligen Fahrverhaltens ins Gerede gekommen und von Werksseite nachgebessert, war auf der Strecke geblieben. Begeistert schwärmte der Fahrer von seiner Runde auf dem Eurospeedway Lausitz und zückte zum zweiten Mal seine Geldbörse. 20 Mark sei ihm der Spaß durchaus noch einmal wert.

Im 15-Sekunden-Abstand zeigte die Ampel auf der im August eröffneten Automobil- und Motorradrennstrecke für jedermann grünes Licht. Der Betrieb erinnerte gestern zeitweilig an die Hauptverkehrszeit auf Berliner Straßen. Mehr als 1000 Männer und Frauen wagten sich mit ihrem Privatfahrzeug auf die rund 11,3 Kilometer lange Strecke. Auf Schikanen zur Verlangsamung der Geschwindigkeit in den Kurvenbereichen hatten die Veranstalter verzichtet. Sie appellierten stattdessen an die Moral der Lausitzring-Novizen: "Fahren Sie nur so schnell, wie Ihr Schutzengel fliegen kann." Gedanken an hohe Spritpreise waren auf dem Langstreckenkurs völlig tabu. Wer wollte, konnte gleich an Ort und Stelle auftanken.

Endlich einmal "Gummi geben"

Einige Hobby-Piloten machten gleich zehn- oder gar zwanzigmal das Rennen. Zumal mancher Beifahrer die geplante Videoaufnahme zunächst verwackelte. "So eine Gelegenheit kommt nicht alle Tage. Hier kann man wenigstens einmal Stoff geben", strahlte ein junger Mann. Endlich konnte sich der Geschwindigkeitsrausch einmal auf legale Weise entladen: Seit Monaten wird die Polizei an den Wochenenden immer wieder zu illegalen Autorennen am Berliner Stadtrand gerufen. Dies mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass gestern nur eine vergleichsweise einsame Streifenwagenbesatzung auf dem Lausitzring nach dem Rechten schaute: Auf ein Verfolgungsrennen wollten sich die Herren in Grün aber nicht einlassen: "Zu teuer."

Das Abenteuer auf dem neuen Asphaltband dürfte bei den meisten Fahrern erst in dieser Woche abgeschlossen werden - nach dem Besuch beim Reifenhändler. Denn nach diversen Runden im Überschwang des Temporausches kommt das Profil der Räder wohl nicht mehr durch den TÜV. Aber diesen Nachklang dürften so manche Enthusiasten teilen. "Kein Profi fährt an solchen kühlen Tagen mit kalten Reifen gleich in eine Kurve mit Tempo 150", erklärte ein offenbar erfahrener Rennfahrer auf seiner "Yamaha". "Das kennt doch jeder von den Formel-1-Übertragungen." Der junge Mann schwang sich auf seine Maschine und fuhr zunächst munter Slalom. Erst als sich die Reifen handwarm anfühlten, steuerte er die Kasse an und zog den Gaszug auf.

Tatsächlich kamen die warmen Reifen der Geschwindigkeit in der eigenen dritten Runde spürbar zugute. Die Tacho-Nadel des 150-PS-Wagens blieb genau bei 230 stehen, so schnell das bei diesem Tempo in dem mit "aktiven Kopfstützen" ausgestatteten Fahrzeug noch zu erkennen war. Andere Fahrer protzten im Ziel mit Zahlen von 265, 270 oder sogar 280 Kilometern pro Stunde. Kein Hindernis schränkte auf der 2,3 Kilometer langen Gerade des Langstreckenkurses das volle Durchtreten des Gaspedals ein. Nur die Fahrfehler anderer Teilnehmer mahnten zur Vorsicht. Da landete doch so mancher im sprichwörtlichen Kiesbett - genauso wie bei den professionellen Rennen. Am gestrigen Sonntag schossen meist die gleichen Autotypen über das Fahrziel hinaus: BMW, Porsche oder Golf. Größere Unfälle gab es auf der Strecke allerdings nicht. Nur auf dem Heimweg konnten einige vom Tempo beflügte Fahrer ihr Temperament offensichtlich nicht so recht zügeln und stießen mit "normalen" Fahrzeugen zusammen.

Den Spaß auf dem Kurs mit zwei auf 43 Grad erhöhten Steilwandkurven kosteten Menschen jeden Alters und mit fast jeder Auto- und Motorradmarke aus. Selbst ein tiefer gelegter Trabant und ein Wartburg fehlten nicht. Ganze Familien drehten ihre Runden in ihren Autos, die auf der Rennstrecke optisch deplatziert wirkten. Oma und Opa saßen beispielsweise auf der Rücksitz, während der Enkelsohn den Kleinwagen steuern durfte.

Enkelkinder am Steuer

Pech nur, dass dieser sich ausgerechnet in der letzten Runde vor dem Testfahrer dieser Zeitung einordnete. Denn obwohl sich der junge Mann zweifellos viel Mühe gab, war er doch auf der Steilwandkurve irgendwie im Weg. Er konnte sich nicht entscheiden, in welcher Höhe er nun den Blutstau im Kopf genießen wollte - ganz oben am Fahrbahnrand, in der Mitte oder doch lieber unten. Egal: So eine Kurve bleibt auch bei Tempo 160 unvergesslich. Am Ende ist dann auch das kleine Angstgefühl vergessen, das sich ganz automatisch beim Anblick der 43 Grad steilen Wand einstellte: Für weitere 30 Mark hätte man immerhin einen Fahrsicherheitstrainer mitfahren lassen können, der gerade an dieser Stelle "wertvolle Tipps" gegeben hätte ...

Den Obolus von 20 Mark pro Runde, die in gut fünf Minuten zu schaffen war, hatte am Ende kaum jemand bereut. Mit Absicht sei für so einen Fahrspaß ein um fünf bis zehn Mark niedrigerer Preis als auf dem Hockkenheim- oder Nürburgring festgelegt worden, hieß es von der Pressestelle des Eurospeedway. Das sei ein Ausdruck des guten Verhältnisses zur Region. Das nächste derartige Vergnügen gibt es allerdings erst im nächsten Jahr. Ein genauer Termin steht noch nicht fest.

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