Ex-Bürgermeister wegen Mordes vor Gericht : Eine fatale Affäre

Als die Zeugin den Gerichtssaal betritt, wird der Angeklagte unruhig. Die Thailänderin ist die ehemalige Geliebte des Ex-Bürgermeisters von Ludwigsfelde, Heinrich Scholl. Die Staatsanwaltschaft glaubt, Scholl habe seine Ehefrau ermordet. Aber kann sie den Vorwurf beweisen? Ein Prozessbericht.

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Heinrich Scholl am Dienstag vor Gericht. Foto: dpa
Heinrich Scholl am Dienstag vor Gericht.Foto: dpa

Heinrich Scholl setzt sich erst mal gleich in die zweite Reihe der Anklagebank, hinter seine beiden Verteidiger. Nicht wie sonst zwischen sie. Als brauche er gerade heute viel Abstand zu dem, was von der anderen Seite der Bank auf ihn zukommt.

Es ist Dienstag, früher Nachmittag, Saal 8 des Landgerichts Potsdam. Ein heller, schlichter Raum, die Zuschauerreihen sind voller als üblich, wenn es wie seit 13 Verhandlungstagen hier um Heinrich Scholl geht, den 69 Jahre alten, früheren Bürgermeister von Ludwigsfelde. Viele sind aus dem kleinen brandenburgischen Städtchen 30 Kilometer südlich vom Zentrum Berlins angereist.

Und das hat einen Grund. Sie erwarten eine Frau zu sehen, die es nach Ludwigsfelde bisher nur als Gerücht geschafft hat: Phinyoyos P., eine zierliche Thailänderin, 36 Jahre alt, offiziell Masseurin, laut Ermittlern eine Prostituierte und einst die Geliebte von Heinrich Scholl, soll als Zeugin aussagen. Ihretwegen, so lautet der Verdacht, könnte Scholl seine Ehefrau Brigitte umgebracht haben.

Bisher hatte der Lokalpolitiker vor Gericht scheinbar alles im Griff, die Situation und auch sich selbst. Stets trägt er einen grauen Anzug, darunter ein schwarzes Hemd oder Poloshirt. Während der Verhandlungen blättert er meist in seinen Unterlagen, macht sich Notizen in seinem Block. Mal schaut er auf, blickt zu den Zeugen, dann wieder zu den Richtern, stets aber in aller Ruhe. Er ist ein zierlicher Mann, einer, dem man dem äußeren Anschein nach kaum zutraut, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft.

Es geht um eines der spektakulärsten Gewaltverbrechen in Brandenburg. Und die Geschichte hat alle wichtigen Zutaten, Politik, Sex und – nun ja – das zerfließende Leben eines früheren Bürgermeisters, der den Aufbruch in ein neues nicht so richtig hinbekam. In Ludwigsfelde, einem Städtchen mit 24 000 Einwohnern, war Scholl von 1990 an Chef des Rathauses, 2008 schied er aus Altersgründen aus. Er hat der Stadt den Ruf eines Erfolgsmodells beschert. Es siedelten sich große Unternehmen an, Daimler-Benz baut hier Transporter, und der Triebwerkshersteller MTU unterhält ebenfalls Fertigungsanlagen. In Ludwigsfelde entstand Europas größte FKK-Therme. Altkanzler Gerhard Schröder und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck besuchten den Parteifreund Scholl, der als brandenburgischer Vorzeigebürgermeister galt.

Nun ist er Angeklagter. Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Potsdam versucht seit Mitte Oktober seine Schuld zu klären.

Am 30. Dezember fand er seine Frau Brigitte, Spitzname Gitti, und ihren Cockerspaniel Ursus tot in einem Wald bei Ludwigsfelde. Er hatte sie am Abend zuvor bei der Polizei als vermisst gemeldet. Ende Januar, vier Tage nach der Beerdigung von Brigitte Scholl und fast vier Wochen nach dem Fund der Leiche, nehmen Polizisten den früheren SPD-Kommunalpolitiker fest. Der Mordverdacht hat sich gegen ihn gewendet, seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Für die Ankläger ist der Fall klar. Demnach hat Heinrich Scholl am 29. Dezember seine Frau in jenem Waldstück, in dem sie regelmäßig mit dem Hund spazieren ging, von hinten mit einem Schnürsenkel erdrosselt. Er soll ihr eine Plastiktüte über das Gesicht gezogen, zweimal mit der Faust zugeschlagen, sie teilweise entkleidet, die Leiche mit Moos und Gras bedeckt haben. Es sollte nach einer Vergewaltigung aussehen, glauben die Ankläger. Auch den Hund fand man erdrosselt.

Zeugen aber gibt es für diese Tat nicht. Nur Scholls Handy wurde zur Tatzeit vom Netzbetreiber in der Nähe des Tatortes erfasst, auch seine DNA-Spuren fanden die Ermittler am Tatort.

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