Der Tagesspiegel : Explosionsopfer geborgen

Bei der Detonation im Munitionsentsorgungswerk starb bereits der dritte Arbeiter seit 1993

Claus-Dieter Steyer

Pinnow. Erst 17 Stunden nach der schweren Explosion im Werk für Munitionsentsorgung in Pinnow konnte am Freitag die Leiche des tödlich verletzten 51-jährigen Angestellten geborgen werden. Das lag nicht allein am völlig zerstörten Arbeitsplatz auf dem Betriebsgelände, sondern auch an der Gefahr weiterer Detonationen. Sie konnten lange Zeit nicht ausgeschlossen werden, so dass die Polizei nur mit größter Sorgfalt vorgehen konnte. Der Tote, der seit zehn Jahren im Unternehmen arbeitet, hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Sein 36-jähriger Kollege, der bei dem Unglück am Donnerstag- abend einen Schock erlitten hatte, trug keine weiteren Verletzungen davon.

Auf dem Betriebsgelände am Rande des Dorfes Pinnow zwischen Angermünde und Schwedt kamen bereits 1993 und 1996 zwei Firmenangestellte an ihrem Arbeitsplatz ums Leben. Die Polizei stellte sich gestern auf eine lange Suche nach den Ursachen der Explosion ein. Denn der Container, in dem sich das Unglück ereignete, ist völlig zerstört worden. Bis zu 100 Meter weit flogen Blechteile umher. Die Wucht der Detonation von rund 1,3 Kilogramm TNT war im Umkreis von einem Kilometer zu spüren. Die Arbeit in der Firma mit 90 Angestellten ruhte gestern. „Unser Mitgefühl gilt natürlich zuerst den Hinterbliebenen unseres erfahrenen Mitarbeiters“, sagte Geschäftsführer Eduard Herbst von der skandinavischen Nammo- Gruppe, die das frühere NVA-Munitionswerk fast auf den Tag genau vor fünf Jahren von der insolventen Buck GmbH übernommen hatte. „Bislang steht noch nicht fest, wann wir die Arbeit wieder aufnehmen können.“ In der Firma werde ausgelagerte Munition aus Beständen der Bundeswehr und anderer Nato-Armeen sowie der schwedischen Streitkräfte entsorgt.

Nach Angaben des Geschäftsführers sollte der verunglückte Mann in seiner Schicht Pappkartons mit Aufschlagzündern von Artilleriegranaten und Sprengstoff füllen. Diese Behälter übernimmt dann üblicherweise der eigentliche Sprengmeister, der sie in eine Vakuum-Sprengkammer bringt. Die anschließende Detonation wird aus sicherer Entfernung per Knopfdruck ausgelöst. Kameras zeichnen die Prozesse auf. Es herrschten strikte Vorschriften für die Arbeiten, die unter anderem das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, andere Behörden und der eigene Sicherheitsbeauftragte ständig überwachen würden. Wie gefährlich die Arbeit dennoch ist, zeigen die strikten Verbote des Rauchens und von Handys in der Umgebung der Sprengkammern. Ein kleiner Funke könnte den Sprengstoff schon zur Explosion bringen. Deshalb tragen die Arbeiter auch eine spezielle Schutzkleidung, die eine elektrostatische Aufladung verhindern soll. Schon die Spannung einer handelsüblichen 15-Volt-Batterie könnte den Sprengstoff zur Explosion bringen, hieß es.

Die beiden vorherigen tödlichen Unglücke geschahen bei der Entsorgung von Boden- Luft-Raketen russischer Bauart. „Sie gingen auf menschliches Versagen zurück, weil Vorschriften nicht exakt eingehalten worden waren“, sagte Firmensprecher Lill.

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