Der Tagesspiegel : Exzellenzen

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Thomas de Padova über Sherlock Holmes und andere Forscher des Jahres

Wer forscht, lässt das Alltägliche hinter sich. Daher kann unsereins die Qualität eines Wissenschaftlers nicht beurteilen. Wir erkennen die Bewertungsmaßstäbe der Wissenschaft fraglos an, fragen aber Jahr für Jahr höflich nach, wer denn ihre Exzellenzen sind. Wo also verkehren die hehren Geister?

Zum Beispiel in der altehrwürdigen Royal Society. Die 1660 in London gegründete Akademie ist – mit ihrem einstigen Präsidenten Isaac Newton an der Spitze – der wohl erlesenste Kreis der Forschung. Wer hier Mitglied ist, hätte in früheren Zeiten als Philosoph gegolten!

Auch 2002 hat die Royal Society wieder einige neue Mitglieder aufgenommen. Zum Beispiel den hartnäckigen Schotten Ian Wilmut, der im 277sten Anlauf das erste geklonte Schaf, „Dolly“, zur Welt brachte. Oder Hubert Markl, den eloquenten und einflussreichen ExPräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, der in seiner Amtszeit mit der Einrichtung eines „Exzellenzsicherungsfonds“ auch für den Fortbestand der wissenschaftlichen Qualität gesorgt hat.

Markl hat erkannt, dass auch die Exzellenzen der Forschung einem sehr breiten Mittelmaß entwachsen. So hat der Mangel an erlauchten und berühmten Leuten die Royal Society of Chemistry in diesem Jahr dazu gebracht, erst gar nicht nach einem Star in den eigenen Reihen zu suchen: Sie ernannte kurzerhand den legendären Sherlock Holmes zum Ehrenmitglied der Akademie.

Die Romanfigur von Sir Arthur Conan Doyle habe moderne chemische Verfahren der Verbrechensbekämpfung vorweggenommen. Die Akademie würdigte vor allem sein Vorgehen im Fall des „Hound of the Baskervilles“. Und von Holmes’ nicht eben alltäglicher Liebe zur Chemie gerührt, zeichnete die Royal Society den Meisterdetektiv im Oktober 2002 aus, genauer gesagt: sein Denkmal in der Baker Street in London. Der Chemiker John Watson, selbst Akademiemitglied, ließ es sich nicht nehmen, die Ehrung zu verlesen.

Der Fall erinnert an Loriots Steinlaus. Das fiktive, dicke Wesen mit sechs Beinen, zwei Fühlern und hasenartigen Zähnen wurde 1983 in den Pschyrembel, das bekannte Klinische Wörterbuch, aufgenommen. Und darin ist die einheimische Nagetiergattung „Petrophaga lorioti“ noch immer zu finden, was ihr so mancher Bücherwurm oder Wolpertinger neidet.

Eine Aufnahme in die Royal Society of Chemistry schürt allerdings ungleich stärkeren Neid. Und so fragt Steve Mirsky im „Scientific American“ zurecht, ob andere Roman- und Comic-Helden nicht Ähnliches für die Wissenschaften geleistet haben wie Sherlock Holmes für die Chemie.

Zum Beispiel Rumpelstilzchen. Der Grimmsche Zwerg konnte immerhin Stroh zu Gold verspinnen. Wäre es nicht an der Zeit, ihn in die Deutsche Gesellschaft für Bergbau, Metallurgie, Rohstoff- und Umwelttechnik aufzunehmen? Oder Frankenstein? Gibt es jemanden, der es, wie er, verdient hätte, Ehrenmitglied der Britischen Gesellschaft für Transplantationsmedizin zu werden?

Ohne die Verdienste eines Sherlock Holmes schmälern zu wollen – es gibt noch viele fiktive Gestalten, deren Mitgliedschaft den wissenschaftlichen Akademien gut zu Gesicht stünde. Nur für den unwahrscheinlichen Fall natürlich, dass uns die Exzellenzen ausgehen sollten.

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