Exzellenzinitiative : Bestens betreut

Die Kultusminister planen einen neuen Elitewettbewerb. Nach der Forschung soll jetzt die Lehre an den Unis gestärkt werden.

Amory Burchard
Hörsaal
Gute Lehre kann auch an einem überfüllten Hörsaal scheitern.Foto: dpa

Überfüllte Vorlesungen und Seminare, Professoren, die nicht zu sprechen sind, und Abbrecherquoten von bis zu 46 Prozent – die Lehre an den deutschen Unis liegt am Boden. Jetzt soll ihr aufgeholfen werden: Nachdem der Wissenschaftsrat Anfang des Jahres Professuren und Juniorprofessuren mit dem Schwerpunkt Lehre empfohlen hat, kommt jetzt die Exzellenzinitiative für die Lehre.

Vorbild ist der Elitewettbewerb für die deutschen Universitäten, in dem die Doktorandenausbildung, große Forschungsvorhaben und Zukunftskonzepte für internationale Forschungsuniversitäten prämiert werden. Den Wettbewerb für die Lehre hat Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner im Januar bei seinem Amtsantritt als Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) angeregt. Bei ihrer Sitzung am Donnerstag und Freitag dieser Woche will die KMK erste Eckpunkte des Wettbewerbs beschließen.

Wie misst man "gute Lehre"?

Was „gute Lehre“ ist, sei jedoch schwer objektivierbar, sagt Roland Thierfelder, Leiter der Hochschulabteilung der KMK. Einfach die Studierenden zu fragen, wie es für das CHE-Ranking oder das Internetportal Mein.Prof.de geschieht, kommt für die Kultusminister nicht infrage. Die Qualität der Lehre hänge immer von den einzelnen Hochschullehrern ab – und von den Adressaten, den Studierenden, sagt Thierfelder. Wenn man im Wettbewerb Fachbereiche oder gar ganze Hochschulen auszeichnen wolle und nicht einzelne Hochschullehrer, müssten übergeordnete Kriterien her. „Es ist schwer zu messen, inwieweit exzellente Absolventen auf guter Lehre beruhen“, sagt auch Bettina Jorzig, Programmleiterin für Studienreform und akademischen Nachwuchs beim Stifterverband, die an der Wettbewerbsplanung der KMK beteiligt ist.

Die KMK überlege nun, „gute Lehre über eine Metaebene zu identifizieren“, sagt der Hochschulexperte. Statt die Leistungen von Dozenten in ihren Lehrveranstaltungen zu bewerten, könnte man versuchen, ähnlich wie bei der Systemakkreditierung für die neuen gestuften Studiengänge vorzugehen. Die Systemakkreditierung ist ein weiteres Vorhaben, über das die Kultusminister jetzt in Berlin diskutieren: Bisher wurden neu konzipierte Studiengänge einzeln von Akkreditierungsagenturen begutachtet. Das hat zu einem Stau bei der Akkreditierung geführt.

Künftig könnte nicht jeder einzelne Studiengang, sondern stattdessen das Qualitätsmanagement einer Hochschule beurteilt werden. Eine wichtige Rolle bei der Akkreditierung spielt die Qualität der Lehre. Die Kriterien, die dafür erhoben werden, könnten auch in den Wettbewerb für die Lehre einfließen. Zöllner hat die Systemakkreditierung bereits als einen Weg genannt, die besten Hochschulen zu identifizieren.

Betreuungsrelation entscheidend

Der Exzellenzwettbewerb für die Lehre müsse allerdings über die Systemakkreditierung hinausgehen, betonen sowohl Thierfelder als auch Bettina Jorzig vom Stifterverband. Bei der Systemakkreditierung werde lediglich festgestellt, ob in der Qualitätssicherung der Hochschule Mindeststandards eingehalten werden. Beim Wettbewerb gehe es jedoch darum, „ob besonders hohe Qualitätsansprüche in der Lehre realisiert sind“. Dabei kommt dann doch eine Reihe von Kriterien zusammen: Die Gutachter könnten etwa fragen, ob es an der Hochschule besondere Einrichtungen wie ein hochschuldidaktisches Zentrum gibt, die Dozenten bei der Lehre unterstützen. Investiert die Hochschule bei der internen Mittelzuweisung besonders in die Lehre? Werden neben den Lehrveranstaltungen auch Tutorien angeboten? Und wie entwickelt sich die Betreuungsrelation?

Diese Frage sei ein Schlüsselkriterium für gute Lehre, sagt der KMK-Hochschulexperte. Tatsächlich betreut ein Hochschullehrer heute im Schnitt 75 Studierende, in den Geisteswissenschaften sind es sogar knapp über 100. Und sollen die Studienreform mit Bachelor und Master gelingen, müssen die Studierenden weitaus intensiver betreut werden als zuvor. Wichtig seien darüber hinaus Systeme, die gewährleisten, dass der Studienstoff gut aufgearbeitet wird, etwa durch E-Learning-Angebote, sagt Thierfelder. Das Urteil der Studierenden sollte beim Wettbewerb trotz methodischer Bedenken nicht außen vor bleiben. Man wolle danach fragen, ob es an der Hochschule eine systematische studentische Evaluation der Lehrveranstaltungen gibt. Es gebe auch Überlegungen, stichprobenartig Lehrveranstaltungen zu besuchen.

Die Abbrecherquote sieht Thierfelder als ein schwieriges Kriterium. Zwar liegt die Quote quer durch alle Fächergruppen bei 24 Prozent und in den Geisteswissenschaften sogar bei 46 Prozent. Es sei aber fraglich, ob sich zwischen der Quote der Studenten, die einen Studiengang vor dem Abschluss verlassen, und der Qualität der Lehre ein unmittelbarer Zusammenhang herstellen ließe. So werden beispielsweise Informatikstudierende häufig aus dem Studium heraus von Unternehmen eingestellt. Allerdings sei es auch nicht denkbar, eine Hochschule für gute Lehre auszuzeichnen, die im Schnitt fast 50 Prozent Studienabbrecher produziert.

Lehre muss finanziell wie Forschung gefördert werden

Detaillierte Vorschläge für den Wettbewerb hat auch der Stifterverband, der an der Planung in der KMK beteiligt ist. Wie die Exzellenzinitiative für die Forschung sollte er drei Förderlinien haben, sagt Bettina Jorzig. Prämiert werden könnte die Nachwuchsförderung, die Entwicklung von Strukturreformen und Zukunftskonzepte für die Lehre. In der ersten Linie werde an Teaching-Fellowships gedacht: Professoren werden für eine bestimmte Zeit freigestellt, um neue Lehrkonzepte zu entwickeln und bekommen dafür eine Vertretung. Nachwuchswissenschaftlern, die sich in der Lehre profilieren wollen, soll in Sommerakademien didaktisch auf die Sprünge geholfen werden. In der zweiten Förderlinie könnten Kompetenzzentren vergeben werden, die für einzelne Fächergruppen das Lehrpersonal didaktisch fortbilden, Ausbildungsforschung betreiben und Innovationen entwickeln. In der dritten Wettbewerbslinie sollten die Hochschulen Zukunftskonzepte einreichen, wie sie sich zu einer internationalen Spitzenuni in der Lehre entwickeln wollen.

Der Stifterverband will sich auch an der Finanzierung des Wettbewerbs beteiligen. Über konkrete Zahlen werde noch nicht gesprochen, sagt Jorzig. Denkbar sei aber, dass Bund und Länder sich darauf einigten, 0,5 Prozent der Mittel für den Hochschulpakt in den Wettbewerb umzuleiten, das wären fünf Millionen Euro. Der Stifterverband und andere Stiftungen, die als Sponsoren gewonnen werden sollen, könnten dann denselben Betrag zusätzlich aufbringen. Der Elitewettbewerb für die Forschung ist mit 1,9 Milliarden für fünf Jahre ausgestattet. Langfristig brauche die Lehre eine so breite finanzielle Förderung, wie sie die Forschung seit Jahrzehnten genießt, sagt Jorzig. Der Stifterverband plädiere für die Einrichtung einer „Deutschen Lehrgemeinschaft“, die nach dem Vorbild der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vorbildliche Projekte zur Verbesserung der Lehre fördern könnte.

Kompetenzzentren zur didaktischen Fortbildung

Die Lehre ist in diesem Jahr zweifellos zu einem großen Thema geworden. Dass eine Universität nur dann exzellent sein kann, wenn sie hervorragende Lehre bietet, ist inzwischen Konsens. An gutem Willen, die teilweise katastrophalen Zustände zu verbessern, mangelt es nicht. Auch der Wissenschaftsrat arbeitet derzeit an „Strukturempfehlungen“ zur Verbesserung der Lehre, die im Herbst vorstellt werden sollen. In der Diskussion sind ähnliche Maßnahmen, wie sie die Kultusminister für den Wettbewerb planen. Wichtig sei es, Hochschullehrer besser als bisher für die Lehre zu qualifizieren, sagt Hildegard Brauns, Referentin für Lehre und Studium. Das soll offenbar nicht nur für die vom Wissenschaftsrat empfohlenen Professuren mit Schwerpunkt Lehre gelten. Fähigkeiten in der Lehre sollten in Berufungsverfahren eine größere Rolle spielen. Wie der Stifterverband befürwortet der Wissenschaftsrat den Aufbau von Kompetenzzentren.

Zuvor sah sich der Wissenschaftsrat überfordert, Rankingkriterien für die Lehre zu finden. Damit hatten ihn 2004 die Kultusminister beauftragt. Sie wollten Maßstäbe an die Hand bekommen, um die Mittelverteilung an den Hochschulen auch nach Leistungen in der Lehre steuern zu können. Der Wissenschaftsrat wies die Aufgabe an die KMK zurück. Und die plant jetzt kein Ranking mehr, sondern einen Wettbewerb.