Fall Ermyas M. : Hauptangeklagter erhält Alibi

Björn L., der Hauptangeklagte im Prozess zum Übergriff auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M., hat ein Alibi. Der Lebensgefährte seiner Mutter will Björn L. zu Hause gesehen haben.

Potsdam - Vor dem Potsdamer Landgericht ist der Prozess zum Übergriff auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. fortgesetzt worden. In dem Verfahren müssen sich der 29 Jahre alte Björn L. wegen gefährlicher Körperverletzung und der 31-jährige Thomas M. wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Ihnen wird zudem Beleidigung vorgeworfen. Die Angeklagten bestreiten die Anschuldigungen. Der Lebensgefährte der Mutter des Hauptangeklagten, Hans-Jörg S. sagte, Björn L. sei in der Tatnacht zuhause gewesen. Zudem schilderte am vierten Verhandlungstag ein weiterer Augenzeuge die Geschehnisse am Tatort.

Laut Anklage sollen Björn L. und Thomas M. am Ostersonntag 2006 an einer Haltestelle mit Ermyas M. in Streit geraten sein und den dunkelhäutigen Potsdamer dabei als "Scheiß-Nigger" beschimpft haben. Infolge der Auseinandersetzung soll Björn L. dem gebürtigen Äthiopier einen heftigen Schlag ins Gesicht versetzt haben. Der Familienvater erlitt dabei schwere Kopfverletzungen. Thomas M. soll mit dem Fuß das Handy des am Boden liegenden Opfers weggekickt haben und gemeinsam mit Björn L. geflüchtet sein.

Zeuge stufte Geschehen als "Kneipenschlägerei" ein

Diesen Tathergang bestätigte am Freitag der 23-jährigen Zeuge Benjamin W. Er gab an, gegen vier Uhr einen Streit zwischen zwei Personen und einem dunkelhäutigen Mann beobachtet zu haben. Dann hätten sich die beiden Männer abgewandt und seien gegangen. Der Dunkelhäutige sei ihnen gefolgt und habe eine Schlagbewegung in Richtung des breiteren Mannes ausgeführt, dabei jedoch nicht getroffen. Der Mann habe sich dennoch umgedreht und dem Farbigen ins Gesicht geschlagen. Dieser sei daraufhin zu Boden gegangen.

Der andere, etwas schmalere Täter habe dem Opfer dann mit dem Fuß das Handy aus der Hand getreten, ergänzte der Zeuge. Dieses sei etwa einen Meter neben dem Opfer liegen geblieben. Die Täter seien dann geflüchtet - zunächst in einen Hauseingang und dann weiter in Richtung Stiftstraße. Er selbst habe seinen Weg in Richtung Innenstadt fortgesetzt, fügte der Zeuge hinzu. Er habe das Geschehen als Kneipenschlägerei eingeschätzt und deshalb nicht so ernst genommen. Erst am folgenden Tag habe er gehört, was dem Opfer geschehen sei. "Es tut mir leid", sagte der 23-Jährige.

Die Angaben der Augenzeugen bleiben damit insgesamt widersprüchlich. An den vorangegangenen Prozesstagen hatten Zeugen ausgesagt, Ermyas M. habe nur in Abwehr ein Bein in Richtung Täter gehalten. Ein Taxifahrer sagte dagegen, Ermyas habe einem vor ihm laufenden Mann "mit voller Wucht in den Hintern getreten". Weitere Zeugen sagten aus, Ermyas habe versucht zu treten, aber nicht getroffen.

Björn L. verbrachte Tatnacht angeblich zu Hause

Aus Sicht von Verteidiger Karsten Beckmann haben jedoch alle Aussagen der Augenzeugen eines gemeinsam: "Es gab eine Aggression, die vom späteren Opfer ausging", sagte Beckmann. Ermyas sei den bereits weggehenden Männern gefolgt.

Nach Angaben des Lebensgefährten der Mutter des Hauptbeschuldigten lag Björn L. in der Tatnacht zuhause im Bett. Er selbst sei zunächst mit seiner Partnerin bei einem Grillfest gewesen. Gegen 24 Uhr seien sie nach Hause gekommen und hätten gesehen, dass sich der Sohn Nudeln gekocht hatte. Die Nudeln hätten den Ausguss verstopft, darüber hätten sie sich geärgert. Sie seien deshalb in sein Zimmer gegangen, und die Mutter habe versucht Björn zu wecken. Dieser sei jedoch nicht richtig wach geworden. Dann hätten sie ihn in Ruhe gelassen. Der Zeuge fügte hinzu, er habe in den frühen Morgenstunden, als er die Toilette aufsuchte, das Auto vor dem Haus stehen sehen, das Björn L. zu dieser Zeit benutzte. Er und sein Kumpel hätten ihre Wagen getauscht gehabt.

Am Morgen habe seine Lebensgefährtin Björn L. dann zwischen acht und neun Uhr geweckt, weil sie zum Osterfrühstück bei dem älteren Sohn verabredet gewesen seien. Der Verteidiger Karsten Beckmann bezeichnet die Aussagen als "handfestes Alibi" für seinen Mandanten. Es gebe keine Veranlassung an den Angaben von S. zu zweifeln. Die Mutter von Björn L. wird erst am übernächsten Verhandlungstag vernommen, da sie derzeit erkrankt ist.

Der Angriff auf Ermyas M. kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil die Ermittler zunächst von einem rassistisch motivierten Mordversuch ausgegangen waren. Dieser Vorwurf ließ sich jedoch im Laufe der Ermittlungen nicht halten. Der Prozess sollte am Nachmittag mit der Vernehmung von Ärzten fortgesetzt werden, die Ermyas M. im Krankenhaus behandelten. Außerdem ist ein Gefangener geladen, zu dem Björn L. während der Untersuchungshaft gesagt haben soll: "Hätte ich mal richtig reingehauen."

(Von Susann Fischer/ddp)

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