Fall Ermyas M. : "Im Großen und Ganzen erinnere ich mich an gar nichts"

Ermyas M. berichtete im Prozess über die Nacht, als er fast totgeschlagen wurde. Seiner Frau zufolge waren damals mehr Menschen am Tatort, als bisher gedacht. Von Sandra Dassler

Potsdam - Es geht letztlich nur um fünf Minuten: Was ist am Ostersonntag-Morgen zwischen 3.58 Uhr und 4.03 Uhr geschehen? Ermyas M., der in dieser Zeit Verletzungen erlitt, die ihn fast töteten, konnte auch am Freitag nicht zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Der in Äthiopien geborene Ingenieur sagte am zweiten Prozesstag um die Vorfälle am 16. April 2006 als Zeuge vor dem Potsdamer Landgericht aus. Dabei wirkte der 38-Jährige sehr viel gefasster als am ersten Verhandlungstag am vergangenen Mittwoch.

Auch die beiden Angeklagten nehmen es inzwischen gelassen, wenn ein Fotograf ihnen auf dem engen Flur des Gerichtsgebäudes plötzlich ins Gesicht blitzt. Björn L., der Ermyas M. laut Anklageschrift nach einem vorangegangenen Streit einen heftigen Faustschlag versetzt haben soll und Thomas M., der wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt ist, bestreiten nach wie vor jede Tatbeteiligung. Wie beim Prozessauftakt zeigten sie auch gestern wenig Regungen.

Ermyas M. trug über dem braunen kurzärmeligen Hemd wieder seinen Brustbeutel mit einem Maskenmotiv. Mit ruhiger, etwas schleppender Stimme beantwortete der groß gewachsene Mann die Fragen der Richter und Verteidiger. Er könne sich noch erinnern, am Ostersonnabend bei Freunden gesessen zu haben. Es wurde gegrillt, gegessen, getrunken. "Jemand hat Gitarre gespielt", erzählt er: "Das hat mir gefallen, sonst wäre ich auch nicht so lang geblieben". Gegen drei sei er mit seiner Frau nach Hause gelaufen, habe ihr aber gesagt, dass er noch zu einem Freund gehen wolle.

Nur ein Erinnerungsfetzen

Hier endet die Erinnerung von Ermyas M., der angibt, einige Bier und auch einige Spirituosen getrunken zu haben. Dass er sich noch ein Bier mit auf den Weg nahm, dass er seine Frau anrief - er erinnere sich "im Großen und Ganzen an gar nichts", sagt er dem Richter. Nur, dass er, als er Wochen später aus dem Koma erwachte, zuerst zu seiner Frau gesagt habe: "Da waren zwei Rechtsradikale am Bahnhof" - das sei vielleicht ein Erinnerungsfetzen. Vorher sei er nur ein einziges Mal in Deutschland bedroht worden, erzählt Ermyas M.: In Rostock habe er sich vor einigen Jahren mit drei Rechtsradikalen konfrontiert gesehen, die seiner Ansicht nach einen Angriff gegen ihn planten. Letztlich sei damals nichts geschehen, aber die Bedrohungssituation sei ihm noch gewärtig.

Ansonsten habe er keine Erfahrung mit rassistischen Angriffen gemacht, sagte er: "Sprüche gibt es natürlich. Aber ich glaube, das ist mehr Neid oder so. Besonders wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin. Dann rufen sie zum Beispiel: 'Such Dir mal 'nen andern Mann!'". Steffi M., seine Frau, hat sich noch keinen anderen Mann gesucht, obwohl sie vor zwei Jahren die Scheidung von Ermyas M. eingereicht hatte. "Vor der Tat hatten wir aber wieder zusammengefunden", sagte die schlanke, selbstbewusste 32-Jährige, die Zahntechnikerin gelernt hat. Ermyas sei oft bei ihr, auch wegen der gemeinsamen Kinder, die er sehr liebe.

"Der regt sich ja nicht mehr."

Im Zeugenstand erzählte sie gestern, dass in der Tatnacht gegen 4 Uhr ihr Handy geklingelt und sich zunächst die Mailbox gemeldet habe. Noch bevor sie diese abhören konnte, sei ein direkter Anruf gekommen, den sie angenommen habe. Es sei ihr Mann gewesen, der sich aber nicht meldete. Sie habe geglaubt, dass er das Handy aus Versehen laufen ließ und dann seltsame Hintergrundgeräusche gehört: "Erst waren da Stimmen weit weg, plötzlich hat ein Hund ganz nah und ganz aggressiv gebellt. Ich habe mich gewundert, dass Ermyas ihn nicht wegjagt, er hat Angst vor Hunden. Dann hat eine Stimme gesagt: 'Lass uns abhauen!' Dann waren zwei andere Stimmen, die sagten in Panik: "Der regt sich ja nicht mehr. Soll ich die 110 oder 112 anrufen?'" Spätestens in diesem Moment sei ihr klar gewesen, dass etwas passiert sein musste, sagte Steffi M.

Als sie später zum Tatort kam, war die Polizei schon da: Um 4.03 war der Notruf eingegangen. Erst später bemerkte Steffi M. jenen Anruf, den ihre Mailbox um 3.58 aufgezeichnet hatte: Zweimal wurde dieser gestern im Gerichtssaal abgespielt: Wirklich deutlich ist darauf nur die Aufforderung von Ermyas M. an seine Frau zu hören, endlich ans Telefon zu gehen. Und jene piepsige Stimme, die angeblich dem Angeklagten Björn L. gehört: "Hey, Nigger". Danach folgt ein Streit mit offenbar gegenseitigen Beleidigungen. Die Aufzeichnung endet mit dem Ausruf von Ermyas M. "Oh nee". Da meint man zum ersten Mal Angst in seiner Stimme zu hören.

Pannen bei den Ermittlungen

Fünf Minuten danach ging der Notruf ein. Was dann folgte, wirft kein gutes Licht auf die Potsdamer Polizei. Zwei Beamte sagten gestern aus, dass trotz ihrer Anforderung keine Kriminalbeamte zum Tatort kamen, die normalerweise bei solchen Straftaten die Spurensicherung übernehmen. Den Kollegen vom Schutzbereich fehlte offenbar sowohl die technische Ausrüstung als auch Wissen. Die Fotos vom Tatort sind kaum zu erkennen, die Scherben verschiedener Bierflaschen wurden in eine einzige Plastiktüte gesteckt. Die DNA-Spur auf einer der Flaschen, welche die Ankläger dem Angeklagten Thomas M. zuordnen, verlor dadurch so an Beweiskraft, dass ihn der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof aus der Untersuchungshaft entließ.

Die Potsdamer Staatsanwälte, die am Prozess teilnehmen, wollten sich dazu gestern ebenso wenig äußern wie zu der Frage, ob der Hund, den Steffi M. laut ihrer Zeugenaussage bellen hörte, beziehungsweise sein Besitzer, ausfindig gemacht wurden. Die Verteidiger der Angeklagten sprachen von gravierenden Ermittlungspannen. Und für Beobachter ist nach den ersten beiden Verhandlungstagen noch mysteriöser, was in jenen fünf Minuten geschah. Der Prozess wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt. ()

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