Fall Kurnaz : Keine Aussagen von US-Zeugen?

Die im Fall Kurnaz aufgetauchten Zeugen in den USA werden ihre Aussagen möglicherweise nicht in das Verfahren einbringen können. Die Staatsanwaltschaft Tübingen sieht kaum Chancen auf eine Vernehmung.

TübingenEr halte eine Bitte an die US-Behörden um Unterstützung für nicht erfolgversprechend, sagte Oberstaatsanwalt Walter Vollmer. Eine frühere Bitte um Rechtshilfe sei vom europäischen Hauptquartier der US-Streitkräfte bereits formlos abgelehnt worden. Die Staatsanwaltschaft hat noch nicht entschieden, ob sie ein weiteres Gesuch stellen will.

Im Fall Kurnaz waren einem Bericht des Magazins "Spiegel" zufolge neue Zeugen in den USA aufgetaucht, die die Schilderung des Bremer Türken über eine Misshandlung durch deutsche Soldaten in Afghanistan stützen. Mehrere US-Soldaten, die der "Spiegel" in den USA befragt hat, stützten Kurnaz' Angaben und belasteten indirekt die Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK), schreibt das Magazin.

"Die Chancen sind sehr gering"

Die Staatsanwaltschaft will nun auf die Redaktion des "Spiegel" zugehen und um die Kontaktdaten der möglichen Zeugen bitten. Allerdings könnten diese ohne offizielle rechtliche Unterstützung durch ihr Heimatland nur vernommen werden, wenn sie freiwillig nach Deutschland kämen, sagte Vollmer. Der Staatsanwaltschaft könne die Männer mit dieser Bitte jedoch nicht informell kontaktieren. "Es gäbe eine Möglichkeit, wenn die Männer zufällig in Deutschland wären", sagte Vollmer. "Die Chancen sind aber sehr gering."

Der entscheidende Punkt in dem Verfahren der Staatsanwaltschaft ist die Frage, ob es in dem Gefangenenlager in Kandahar Anfang 2002 Lastwagen gegeben hat. Kurnaz hatte angegeben, hinter einem solchen Lkw hätten ihn zwei deutsche Soldaten getreten und seinen Kopf auf den Boden geschlagen. Die 21 von den Ermittlern befragten deutschen Elitesoldaten des KSK hatten dagegen fast durchweg angegeben, es habe im Lager keine Lastwagen gegeben. Weil sich dieser Widerspruch bislang nicht aufklären ließ, hatte die Staatsanwaltschaft zwischenzeitlich die Ermittlungen eingestellt.

Zeugen sahen Lkw im Lager

Dem "Spiegel" berichteten nun ein früherer Major der US-Streitkräfte, ein Oberstleutnant und ein früherer Übersetzer, die im Januar 2002 in Afghanistan eingesetzt waren, die Fäkalien der Lagerinsassen seien regelmäßig "mit einem zweieinhalb Tonnen schweren Militärtruck" abgeholt worden. Der Transporter sei regelmäßig durch das Haupttor ins Lager gefahren, sagte Oberstleutnant Keith Warman.

"Wenn es Zeugen gibt, die sagen, es gab Lastwagen, ist die Aussage von Kurnaz von gestärkter Aussagekraft", sagte dessen Anwalt Bernhard Docke. "Dann haben die Beschuldigten ein Problem." Vor allem amerikanische Zeugen, die keine Motivation hätten, Kurnaz zu helfen und dem KSK zu schaden, seien von Gewicht. (mit dpa)