Fall Litwinenko : Russische Retourkutsche

Der Streit um die Auslieferung des Hauptverdächtigen im Litwinenko-Mordfall ist weiter eskaliert. Moskau hat britische Diplomaten ausgewiesen und sperrt für Staatsbeamte die Visa.

MoskauDer Streit zwischen Russland und Großbritannien um den Giftmord an Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko hat sich verschärft. Nach der Ausweisung von vier russischen Diplomaten aus Großbritannien will Moskau nun seinerseits vier britische Diplomaten ausweisen, wie Außenamtssprecher Michail Kaminin mitteilte. Zudem werde Russland britischen Staatsbeamten keine Visa mehr erteilen und keine offiziellen Vertreter mehr nach Großbritannien schicken. Moskau kündigte darüber hinaus die Zusammenarbeit mit London in der Terrorismus-Bekämpfung auf. Der britische Außenminister David Miliband nannte die Entscheidung Moskaus "komplett ungerechtfertigt".

Miliband erklärte in London, er sei "enttäuscht" über die russische Entscheidung. Die britische Botschaft in Moskau teilte mit, ihr Botschafter sei einbestellt worden. Den Angaben zufolge ging es in dem Gespräch zwischen dem Vertreter Londons, Anthony Brenton, und dem stellvertretenden russischen Außenminister Alexander Gruschko um den Litwinenko-Fall. Die Informationen würden an die britische Regierung weitergeleitet.

Streit um die Auslieferung von Lugowoj

Miliband hatte den Beschluss zur Ausweisung der Russen damit begründet, dass Moskau weiterhin die Auslieferung des Ex-KGB-Manns Andrej Lugowoj verweigert. Nach Erkenntnissen von Scotland Yard soll Lugowoj den in Großbritannien lebenden Ex-Agenten und Kreml-Kritiker Litwinenko im November vergangenen Jahres in London mit radioaktivem Plutonium vergiftet haben. Russland verweigert Lugowojs Auslieferung an die britischen Behörden mit der Begründung, dies sei verfassungswidrig. Nach Ansicht Londons könnte Moskau den Verdächtigen gemäß den Regeln eines internationalen Abkommens dennoch ausliefern.

US-Außenministerin Condoleezza Rice appellierte an Russland, dem Antrag Londons auf Auslieferung des Hauptverdächtigen Lugowoj stattzugeben. "Ein schreckliches Verbrechen ist auf britischem Boden begangen worden, und Großbritannien muss die Täter finden und sie der Justiz zuführen", sagte Rice in einem Interview, das der britische Fernsehsender Sky News wenige Minuten vor der Ankündigung Moskaus ausstrahlte, die Diplomaten auszuweisen. Es sei in niemandes Interesse, nichts zur Aufklärung des Verbrechens zu unternehmen, betonte Rice.

Russisch-europäische Beziehungen gefährdet

Der russische Botschafter in London, Jury Fedotow, stritt in einem Brief an die Zeitung "The Times" jegliche Verantwortung seiner Regierung für den Litwinenko-Mord ab. Derartige Behauptungen seien absurd. Fedotow versicherte, in Großbritannien erhobene Beweise würden bei der Verfolgung des Falles an russischen Gerichten berücksichtigt.

Der russische Außenminister Außenminister Sergej Lawrow wird am Freitag zu einem Besuch in Berlin erwartet. In den Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sollte es auch um den britisch-russischen Streit gehen. Merkel habe deutlich gemacht, dass die EU insgesamt die Aufklärung des Mordes unterstütze, sagte ein Regierungssprecher.

Die EU hatte Russland aufgerufen, dem Auslieferungsantrag stattzugeben und sich "enttäuscht" über die Blockadehaltung des Landes gezeigt. Der Vertreter Russlands in Brüssel, Wladimir Tschischow, bezeichnete die Kritik laut der Nachrichtenagentur Interfax als "unangenehme Überraschung", die die Beziehungen zwischen der EU und Russland "zweifellos beeinträchtigen" werden. (mit AFP)