Der Tagesspiegel : Fall Potsdam: Die Spuren führen zu den Verdächtigen

Blut am Tatort dem einen Inhaftierten zugeordnet, die Stimme auf der Mailbox dem anderen

Frank Jansen

Potsdam/Karlsruhe - Ermittler der Bundesanwaltschaft haben neue Beweise dafür gefunden, dass die beiden inhaftierten Tatverdächtigen an den Misshandlungen von Ermyas M. am Ostersonntag beteiligt waren. So sei der Beschuldigte Björn L. aus Wilhelmshorst mit dem Spitznamen „Piepsi“ nach dem Ergebnis der kriminaltechnischen Auswertung der Stimmaufzeichnungen „wahrscheinlich“ einer derjenigen, die auf der Mailbox des Telefons der Frau von Ermyas M. zu hören sind. Das teilte Generalbundesanwalt Kay Nehm am Sonntag in Karlsruhe mit. Erste molekulargenetische Untersuchungen für das am Tatort gefundene DNS-Material hätten außerdem ergeben, dass die Blutspuren an einer Glasscherbe einer Bierflasche von dem zweiten Tatverdächtigen Thomas M. aus Potsdam stammen. Damit ist klar, dass sein Alibi nicht stichhaltig ist und er an den Auseinandersetzungen mit dem Deutsch-Äthiopier Ermyas M. beteiligt gewesen sein muss. Aber auch am Sonntag war noch unklar, wie das Blut von Thomas M. an die Glasscherbe gekommen ist und ob es ein Handgemenge zwischen Opfer und Täter gab.

Ermittlungsergebnisse deuten auf eine weitere Komponente des Tathergangs hin: So sei denkbar, dass die beiden Tatverdächtigen von dem späteren Opfer an der Bushaltestelle verlangt haben, er solle Platz machen, hieß es in Ermittlerkreisen. Ob er sich weigerte, ob sich Täter und Opfer kannten, wann die Beschimpfung „Nigger“ gefallen ist, konnte noch nicht festgestellt werden.

Auch ist weiterhin die Frage offen, ob Ermyas M. nur einen Schlag gegen die Schläfe bekommen hat, der ihn am Kopf schwer verletzte. Aufgrund seines nach wie vor kritischen Zustands lässt sich nicht feststellen, ob er zusätzlich Tritte und Schläge gegen Schädel und Körper erleiden musste. Der 37-jährige Deutsche äthiopischer Herkunft schwebte auch gestern in Lebensgefahr, sein Zustand hat sich jedoch leicht gebessert. Er atme zum Teil wieder aus eigener Kraft mit Unterstützung des Beatmungsgeräts, hieß es gestern im Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam. „Wir sehen das als positive Entwicklung.“ Der Wasserbau-Ingenieur hatte bei dem Angriff ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und befindet sich im künstlichen Koma.

Generalbundesanwalt Kay Nehm geht nach wie vor davon aus, dass die Tat rechtsextremistisch und fremdenfeindlich motiviert war. Deshalb sei es richtig gewesen, dass er das Verfahren an sich gezogen habe. Ein weiteres Kriterium sei, dass sich die Bevölkerung nicht mehr darauf verlassen könne, in Deutschland vor politisch motivierten Gewalttaten geschützt zu sein. Die beiden Männer Björn L. (29) und Thomas M. (30) sollen laut Haftbefehl gute Kontakte zu dem rechtsgerichteten Rocker-Club „MC Gremium“ unterhalten. Der Club ist in mehreren Ländern Europas aktiv, laut Sicherheitsexperten waren Mitglieder in der Vergangenheit an der Planung rechtsextremer Konzerte beteiligt.

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