Der Tagesspiegel : Fall Ulrike: So genannte Fahndungspannen

Gerd Nowakowski

Viertausend Hinweise aus der Bevölkerung, hunderte von Spuren vom Tatort - und eine Gruppe von Ermittlern, die Tag und Nacht nach der Nadel im Heuhaufen suchen. Viele Spuren führten ins Nichts. Hinweise wie dem eines Anrufers nachzugehen, sein Freund habe ihm die Tat gestanden, erwiesen sich als ärgerliche Zeitverschwendung. Die Erschöpfung der Ermittler, die Verzweiflung der Eltern und die Erwartung der Öffentlichkeit - unter diesem Druck musste nach dem Mörder der 12-jährigen Ulrike Brandt gefahndet werden. Jeder Hinweis konnte wichtig sein, aber dennoch mussten Prioritäten gesetzt werden, waren manche Spuren erfolgversprechender als andere. Bilanziert wird am Schluss.

Hat die Polizei versagt? Der Hinweis einer Bewährungshelferin auf den Täter wurde nicht weiter verfolgt, nachdem der Verdächtige nicht zu Hause angetroffen wird; seine Fingerabdrücke konnten vom Computer nicht ausgewertet werden. Sieht so eine Fahndungspanne aus? Welche Debatte hätten wir heute, wenn die Strategie nicht erfolgreich gewesen wäre, als Täter vorrangig nach einem Menschen am Rande der Gesellschaft zu suchen und nicht nach einem mörderischen Biedermann mit Familie und untadeligem Umfeld?

Hat die Justiz vesagt? Der 25-jährige mutmaßliche Täter verübte trotz einer Bewährungsstrafe erneut mehrere Autodiebstähle. Er wurde festgenommen, die Bewährungsstrafe trotzdem nicht widerrufen. Stefan J. blieb auf freiem Fuß - und konnte deswegen Ulrike Brandt ermorden. Alle Autodiebe hinter Gittern, weil niemand ausschließen kann, dass auch ein Autodieb zum Mörder werden kann? Jeden erneut straffällig gewordenen Menschen sofort einsperren - das ist ebenso unsinnig wie die Forderung, sämtliche Männer müssten einen Gentest machen. Sieht so ein Justizskandal aus?

Hat die Polizeipräsidentin versagt? Die Eberswalder Amtschefin Uta Leichsenring soll Innenminister Jörg Schönbohm nach der Festnahme und dem Geständnis des 25-jährigen Stefan Jahn nicht von den "Fahndungspannen" informiert haben. Schönbohms Staatssekretär Eike Lancelle hält dies für "gravierend", der Vorgang wird überprüft. Der CDU-Landesvorsitzende Schönbohm hat in einem politischen Kraftakt die lang umstrittene Polizeireform durchgesetzt. Landesweit soll es statt fünf nur noch zwei Präsidien geben. Die größeren Präsidialbereiche zu führen, hält Schöhmbohm keinen der fünf bisherigen Amtsinhabern geeignet. Das gilt auch für die populäre, den Sozialdemokraten nahe stehende Uta Leichsenring.

Kaum ein Fall hat so die Öffentlichkeit bewegt wie die Ermordung der 12-jährigen Ulrike Brandt - und die schnelle Festnahme des mutmaßlichen Täters. Aber auch bei einer erfolgreichen Fahndung gibt es Schwachstellen. Entscheidend war, dass der spätere Täter trotz negativer Identifizierung weiterhin zum Kreis der Verdächtigen zählte. Das weiß der Innenminister. In einem solchen Fall müssten sich zusätzliche Emotionalisierungen verbieten. So genannte Fahndungspannen zu nutzen, um einer unliebsame Polizeichefin eins auszuwischen, erst recht. Die Fahnder, die innerhalb von zwei Wochen aus Tausenden von diffusen Spuren den Täter ermittelten, haben einen Anspruch auf Fürsorge des Dienstherrn.

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