Der Tagesspiegel : Fall Wischnath wird zum Fall Huber

In der Affäre um den Cottbuser Generalsuperintendenten warten jetzt alle auf ein Wort des Bischofs

Sandra Dassler

Cottbus/Berlin. In der Affäre um den Cottbuser Generalsuperintendenten Rolf Wischnath gerät nun auch Bischof Wolfgang Huber zunehmend unter Druck. Pfarrer und Mitarbeiter der Kirche vermuten inzwischen eine Kampagne gegen Wischnath, der in Verdacht geraten war, ein West-IM der Stasi gewesen zu sein. Wischnath ist im Gespräch für einen hohen Kirchenposten in Nordrhein-Westfalen. Bei einem Treffen am Freitagabend in Berlin äußerten viele Superintendenten ihr Entsetzen über die Ereignisse der letzten Woche und empfahlen der Kirchenleitung, die Dinge schnellstens zu klären. Sie verstehen nicht, warum sich Huber, Oberhaupt der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, bislang nicht zu den Vorgängen um Wischnath äußerte.

Wie berichtet, ließ die Kirchenleitung den aus Nordrhein-Westfalen stammenden Generalsuperintendenten ohne sein Wissen auf eine Zusammenarbeit mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst überprüfen. Zwar hatte Bischof Huber nach einer entsprechenden Pressemeldung noch erklären lassen, der Stasi-Verdacht habe sich „erwartungsgemäß“ nicht bestätigt, war dann aber in den Urlaub gefahren. Als Wischnath sich in der Öffentlichkeit über das heimliche Vorgehen gegen ihn empörte, erteilte ihm Konsistorialpräsident Uwe Runge am vergangenen Montag kurzerhand Redeverbot.

Runge, der nicht gerade als Freund Wischnaths gilt, war es auch, der hinter dem Rücken des Generalsuperintendenten im vergangenen Jahr zum Verfassungsschutz nach Köln gefahren war. Für Joachim Klasse, Mitglied der Landes- und EKD-Synode, war das zumindest ein „handwerklicher Fehler“. Klasse leitete von Ende 1991 bis Mitte 1995 den Überprüfungsausschuss zur Verstrickung von Kirchenmitarbeitern mit dem Ministerium für Staatssicherheit. „Wir haben in allen Fällen immer zuerst mit den Betroffenen gesprochen“, sagt Klasse. „Gerade in der Kirche spielt die Frage des Vertrauens eine große Rolle. Rolf Wischnath ging nach diesem Verhalten der Kirchenleitung offensichtlich davon aus, dass man ihm misstraut. Das hat ihn sehr schwer erschüttert.“

Dass der populäre Cottbuser Kirchenmann, der auch Vorsitzender des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Extremismus und Fremdenfeindlichkeit ist, in den Verdacht geriet, ein West-IM gewesen zu sein, hängt mit der Auswertung der so genannten Sira-Datei der Stasi-Auslandsabteilung (HVA) zusammen: Sie wurde zwar nach der Wende vernichtet, später aber von Experten der Gauck-Behörde rekonstruiert. Darin fanden sich Hinweise auf eine Quelle mit dem Decknamen „Theologe“. Wer diese Quelle war, blieb zunächst unbekannt, weil die zu den Akten gehörende „Rosenholz“-Kartei, in der die Klarnamen standen, 1989 in die Hände des US-Geheimdienstes CIA geriet. Nur scheibchenweise gelangten später Informationen über die Klarnamen zum Bundesverfassungsschutz und zur Gauck-Behörde.

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Gauck-Behörde ist der jetzige Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe. Er sagte dem Tagesspiegel, dass die unter der Quelle „Theologe“ enthaltenen Notizen nicht darauf hinweisen, dass sich dahinter ein Top-Agent verberge. Allerdings sei in der Rosenholz-Kartei der Name Wischnath eindeutig der Quelle „Theologe“ zugeordnet worden. Knabe: „Ich habe das mit eigenen Augen gesehen.“

Der einstige Stasi-Überprüfer Joachim Klasse meint, das beweise gar nichts. „Ich kenne viele solcher Fälle, gerade bei angeblichen West-IMs. Die wurden zum Teil ohne ihr Wissen von der Stasi abgeschöpft. Das hätte jedem passieren können. „Wischnath hat mir übrigens schon 1992 erzählt, dass er als Student oft in der DDR war und da möglicherweise auch Kontakte mit Stasi-Leuten hatte. Als er in einem Fall glaubte, ,abgeschöpft‘ zu werden, habe er die Verbindung abgebrochen. Ich habe ihm damals geglaubt, und ich glaube ihm heute.“

Bischof Huber hat unterdessen angekündigt, am Montag eine Erklärung abzugeben.

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