Der Tagesspiegel : Faltbootkabinett in Lychen: Das Mekka der Faltbootfahrer liegt in der Uckermark

Claus-Dieter Steyer

Museumsdirektoren greifen erfahrungsgemäß nicht schnell zu Superlativen. Doch Dirk Bredow scheut vor der Führung durch das Faltbootkabinett in Lychen selbst den größtmöglichen Vergleich nicht. "Wir sind weltweit die einzige und damit auch die größte Sammlung", sagt er beim Öffnen der schweren Tür zur ehemaligen Getreidemühle im Zentrum des zwischen sieben Seen gelegenen Städtchens in der Uckermark. Auf drei Etagen liegen und stehen mehrere Meter lange und sperrige Exponate, die sich in vier bis 15 Minuten auf die Größe eines Rucksackes bringen lassen.

Das älteste Faltboot stammt aus dem Jahr 1926. Da aber immer wieder Menschen mit altertümlichen Exemplaren entweder vor der Tür stehen oder die Boote gleich im ausgefalteten Zustand per Post nach Lychen schicken, ist die derzeit rund 80 Boote zählende Sammlung noch längst nicht abgeschlossen. Im gleichen Haus arbeitet auch eine Manufaktur zur Rekonstruktion defekter Stücke. Oft kommen so Prachtboote gleich in die Ausstellung.

Dirk Bredow nennt die von einem Förderverein getragene Sammlung mit Absicht nicht Museum. Das klinge etwas verstaubt. "Wir haben uns bewusst für den Ausdruck Kabinett entschieden", sagt der leidenschaftliche Faltbootfahrer. "Kabinett steht schließlich für Studierstube. Genau aus diesen akademischen oder intellektuellen Kreisen kommen heute vor allem die Anhänger dieser Sportart." Die meisten Enthusiasten seien nach wie vor im Osten zu Hause, wo die Zahl der zusammenfaltbaren Boote auf rund 140 000 geschätzt wird.

Zu DDR-Zeiten kauften sich viele Menschen ganz zwangsläufig dieses Sportgerät. Es machte unabhängig von den ohnehin viel zu wenigen Urlaubsunterkünften, vermittelte auf den zahlreichen Seen ein gewisses Gefühl von Freiheit und war unterwegs die ideale Ergänzung zum Zelt. Drei Tage konnte schließlich auf jedem Campingplatz gerastet werden.

Heute verzeichnet die Faltbootszene gerade wegen der guten Transportmöglichkeiten einen starken Zuwachs. "Die meisten Fluglinien nehmen so ein Paket genau wie eine Golftasche unentgeltlich mit", erklärt Dirk Bredow. "Da ergeben sich auf der ganzen Welt Touren, beispielsweise im Winter in Thailand oder Malaysia."

Wenig hat sich seit der Weltpremiere im Jahre 1907 an der Bauweise der Faltboote geändert: "Ein Holzgestell aus Eiche oder Birke, dazu ein Baumwolle-Überzug und eine Gummi-Imprägnierung", sagt der Direktor und zeigt auf ein ganz besonderes Exemplar. Es handelt sich um das Olympia-Boot von Xaver Hörmann, mit dem er 1936 auf der Regattastrecke in Grünau hinter einem Österreicher und einem Franzosen die Bronzemedaille erkämpft hatte. Nur bei diesen Olympischen Spielen standen Einer- und Zweier-Rennen im Faltboot auf dem Programm. Das war wohl eine Reverenz des damaligen Olympischen Komitees an die Gastgeber. Die nationalsozialistische Propaganda hatte sich dieser Sportart neben vielen anderen Disziplinen bemächtigt. Überall waren Faltbootzentren für die "Stählung der Gesundheit" entstanden.

Ab nächsten April sollen an der Mühle in Lychen ein Rast- und Reparaturplatz sowie Ferienzimmer entstehen. Dann öffnet auch das Unternehmen "Treibholz" mit seinen Wasserfahrrädern eine neue Station. "Bisher fahren jährlich 3000 Paddler an Lychen vorbei", sagt Bredow. "Nicht zuletzt mit unseren Angeboten wollen wir sie länger in unserer Stadt halten."

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