Familie : Mommy cool

Streiten, zoffen, zanken - und peinliche Ratschläge hören: So ist das oft mit den Müttern. Bei Lina, 18, ist es ganz anders, viel schöner. Ihre Mutter ist ihre beste Freundin.

Lina Nagel
Gilmore Girls
Mama, meine beste Freundin? Die beiden Hauptfiguren der Serie "Gilmore Girls" machen es vor. -Foto: Fotex/Target

„Mama, ich habe ein Problem!“, sagte ich und ohne weitere Fragen setzte sich meine Mutter mir gegenüber an den Tisch und hörte zu. So reagiert meine Mutter meistens, wenn ich etwas auf dem Herzen habe. „Mama, alle meine Freundinnen dürfen so lange wegbleiben, wie sie wollen, und ich nur bis zwölf. Das ist unfair!“, fand ich. Meine Mutter überlegte nicht lange und sagte: „Ich kann das nicht anders zulassen, da ich mir sonst Sorgen mache. Wenn allerdings dein Freund dabei ist und ihr später zusammen nach Hause geht, darfst du so lange wegbleiben, wie du willst. Dann weiß ich, dass du in guten Händen bist. Ist das ein Kompromiss?“

So war das vor meinem 18. Geburtstag. Danach hat sich einiges geändert: Ich bin erwachsen, selbstständiger und mache mein Ding. Nur das Verhältnis zu meiner Mutter ist gleich geblieben. Als ich Ende Mai volljährig wurde, war das für meine Mutter ein schwerer Tag: Sie begriff, ich werde sie bald verlassen. Sie weinte den ganzen Tag und ihr war nicht so recht nach Party. Noch zwei Jahre – bis zum Abitur – bleibe ich nun bei ihr und will jeden Tag genießen. Für meine Mutter wird die Abkapslung schwieriger als für mich. Aber die Nähe zu ihr werde ich nie missen wollen: Wir reden einfach über alles und finden meistens auch eine Lösung. Es gibt nicht oft Situationen, in denen ich denke: „Kann ich mit Mama darüber reden, oder soll ich es doch lieber für mich behalten?“ Letztendlich erzähle ich es ihr dann doch, denn niemand kennt mich so gut wie meine Mutter und kann mir so gute Ratschläge geben. Genauso ist es umgekehrt, denn auch Mütter haben manchmal Probleme.

Jetzt ist die Beziehung zu meiner Mutter für mich nichts Besonderes mehr und ich bin es gewohnt, ihr alles zu sagen und vieles zu dürfen. Doch manchmal schränkt mich diese Beziehung zu meiner Mutter auch ein, da ich weiß, was sie von mir erwartet und ich nichts machen könnte, von dem ich weiß, dass es sie enttäuschen würde. Aber so, wie meine Mutter mir vertraut, kann ich auch ihr vertrauen. Denn wenn ich Streit mit meinem Freund oder einer Freundin habe und meine Mutter brauche, um mit ihr zu reden und ihre Meinung dazu zu hören, kann ich mich darauf verlassen, dass das unter uns bleibt.

Über die Beziehung zu meiner Mutter habe ich genauer nachgedacht, als wir in der Schule das Thema „die perfekte Mutter“ besprachen. Wir sollten sagen, wie diese unserer Meinung nach sein sollte. „Sie sollte nicht zu streng sein“, sagten die einen. „Sie darf einen nicht so betütteln“, sagten die anderen. „Sie sollte deine Freundin sein“, sagte ich. Und damit war ich ziemlich allein: Denn alle reagierten mit Protest. „Ich erzähle meiner Mutter doch nicht, wenn ich Alkohol getrunken oder geraucht habe“, „Ich erzähle meiner Mutter doch nicht, wenn ich Streit mit meinem Freund habe“, und so weiter. Ich war die Einzige, die ihre Mutter so braucht, wie man eine Freundin braucht. Das verwirrte mich, denn viele meiner Freunde sagen, meine Mutter und ich führen eine Beziehung wie in der Fernsehserie „Gilmore Girls“: Die Mutter hat ihre Tochter bereits mit 16 Jahren bekommen und ist deshalb noch genauso lebenshungrig und abenteuerlustig wie ihre Tochter. Die beiden haben ein sehr enges Verhältnis, haben die gleichen Probleme und sprechen darüber. Doch auch wenn es mal Streit und Meinungsverschiedenheiten gibt, hält das oft nicht lange an, denn beide wissen, sie können nicht ohne einander.

So ist das auch bei uns, auch wenn meine Mutter mich erst mit 32 bekam. Doch wir teilen viel: Wir gehen zusammen einkaufen, Kaffee trinken und bequatschen einfach alles. Wenn sie auf eine Party geht, schminke ich sie wie eine gute Freundin, wir tauschen Klamotten und verbringen einfach jede freie Minute. Da sie als Sekretärin viel arbeitet, ist unsere gemeinsame Zeit aber rar.

Als sich mein Vater und meine Mutter vor fünf Jahren trennten, sprach ich oft mit ihr. Und wenn wir heute mit unseren Freunden Liebeskummer haben, dann gibt es erst mal ein Gespräch unter Frauen: Meine Mutter berät mich mit Erfahrung und ich sie mit meinem Instinkt.

Wir sind eine Ausnahme. Wenn sich eine meiner Freundinnen zum Beispiel, mit ihrer Mutter gestritten hat und wir am Telefon darüber reden, höre ich oft: „Mann, warum ist meine Mutter nicht so locker wie deine. Dann wäre alles viel leichter!“ Aber ich verstehe nicht, warum so viele Leute, vor allem Frauen und Mädchen, „Gilmore Girls“ gucken, es toll finden und die Figuren um eine solche Beziehung beneiden, und sie in der Realität letztendlich dann scheinbar doch ablehnen. Warum wahren so viele Distanz? Für viele ist eine Mutter eben eine Mutter. Mehr aber nicht. Zwar kann man auch mit einer Mutter mal einkaufen gehen oder Kaffee trinken. Doch seine Geheimnisse austauschen, außer vielleicht ein paar Kleinen, ist dann doch tabu. Zu viel Nähe muss nun auch nicht sein, darum ist man hin und wieder ganz froh, dem gemeinsamen Abendessen entringen zu können. Aber bei zu viel Distanz geht doch etwas verloren, oder?

Bei meinen männlichen Freunden ist die Mutter eher Mittel zum Zweck, das kocht und die Wäsche macht. Aber die Beziehung muss aus diesen Gründen keineswegs schlecht sein. Im Gegenteil: Oft sind die Mutter-Sohn-Beziehungen auf der Seite des Sohnes sehr harmonisch. Geheimnisse oder Probleme mit einem Mädchen, behalten die Jungs aber doch lieber für sich.

Ich erinnere mich heute gut an den Beginn der Pubertät und das Vertrauen meiner Mom: Meine Mutter sagte, wenn ich rauchen wolle, solle ich das tun, ich solle es ihr nur sagen. Genauso war es mit vielem anderem. Ich hätte alles, oder vieles, ausprobieren können, ohne dass es – das wusste ich – Konsequenzen haben würde. Das habe ich nie vermisst. Warum auch etwas Verbotenes tun?

Unsere Beziehung ist einmalig und intensiv, aber abkoppeln werde ich mich trotzdem: Schließlich will ich mich ins Leben stürzen. Wir müssen spätestens in zwei Jahren loslassen.

Und wie versteht ihr euch mit euren Eltern? Mailt uns:

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Gilmore Girls
Mama, meine beste Freundin? Die beiden Hauptfiguren der Serie "Gilmore Girls" machen es vor. -Foto: Fotex/Target

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