FAMILIEN- UND GESCHICHTSDRAMA„Der Stein“ : Gespenster der Vergangenheit

Sandra Luzina

In einem Geisterhaus spielt Marius von Mayenburgs neues Stück „Der Stein“. In dem alten Haus in Dresden, auf das Heidrun Heising ihren Besitzanspruch anmeldet, spuken nämlich die Gespenster der Vergangenheit. Eine dunkle Familiengeschichte zwischen 1934 und 1993 rollt der Hausautor der Schaubühne im Stück auf – mit zahlreichen Rückblenden und Zeitsprüngen.

Wolfgang Heising hat sich 1934 das schöne Haus seines jüdischen Vorgesetzten an der veterinärmedizinischen Fakultät unter den Nagel gerissen. Den Leitungsposten an der Universität gibt’s obendrein. Das jüdische Ehepaar denunziert er bei der Gestapo, ein Verrat, den er später in eine Rettungslegende umdichtet, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der titelgebende Stein ist der Pflasterstein, den die SA Wolfgang Heising durchs Fenster warf – in der Überzeugung, dass sich immer noch Juden in dem Haus befinden. Er ist der Grundstein der familiären Geschichtsklitterung, wird hier aber zum Stein des Anstoßes. Denn als Heidrun mit ihrer Mutter Witha und Tochter Hannah das Haus des Vaters wiederbezieht, geht die Familienlüge bald zu Bruch – genau wie das gute Familienporzellan. Seine Uraufführung erlebte „Der Stein“ in Salzburg im Rahmen des „Young Directors Project“. An der Schaubühne läuft das Stück nun in der Reihe „60 Jahre Deutschland – Annäherung an eine unbehagliche Identität“. Dem jungen Regisseur Ingo Berk wurde von der Kritik allerdings attestiert, dass er in deutscher Betroffenheitskultur schwelge. Das Stück – so urteilt die SZ – trägt dennoch das Prädikat: Politisch ehrenwert. Sandra Luzina

Schaubühne, Do 2.10. (Berlin-Premiere), Fr 3. u. Mo 6.10., 20 Uhr, ab 6 €

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