Faruk Sen : Zwei Welten, zwei Zungen

Tissy Bruns

Verständlich, dass eine türkische Hausbewohnerin im Februar nach dem Brand in Ludwigshafen einen fremdenfeindlichen Anschlag vermutet hat. Ebenso gut kann man die Gefühle der Feuerwehrleute verstehen, die damals unter großer Gefahr Menschen gerettet haben. Sie waren bestürzt, als sie danach mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, die Hilfskräfte hätten langsamer gearbeitet, weil es um Türken gegangen sei. Denn dieser Verdacht war abwegig.

Das ist der Stoff, um den es beim Konflikt um Faruk Sen, den Direktor des Zentrums für Türkeistudien, geht. Er dreht sich um Deutsche und Türken, die Türkei und Deutschland, um leicht entflammbare Gefühle – nicht um die Frage, ob Sen Antisemit ist. Das ist er vermutlich nicht; gegen diesen Vorwurf nimmt ihn der Zentralrat der Juden in Schutz. Aber der Vorstand der Stiftung, die das Zentrum trägt, beantragt Sens Abberufung zu Recht.

Das Zentrum soll das gegenseitige Verständnis und das Zusammenleben von Deutschen und Türken fördern. Das Beispiel Ludwigshafen zeigt am Extremfall, wie nötig das ist. Einen bösen Verdacht hatten nicht nur türkischstämmige Bewohner des brennenden Hauses. Sondern auch viele Deutsche, als die türkische Justiz sofort eigene Ermittlungsarbeiten in Deutschland ankündigte. Steckte darin nicht der indirekte Verdacht, hier solle etwas vertuscht werden? Es war außerordentlich klug von Innenminister Wolfgang Schäuble, Ermittler aus der Türkei sofort in die Arbeit der deutschen Behörden zu integrieren. Zwei Pauschalurteile hat Schäuble auf diese Weise entkräftet: die vieler hier lebenden Türken, sie seien für den Staat Bürger zweiter Klasse. Und den vieler Deutscher, die Türken seien darauf aus, hier einen Staat im Staat schaffen.

Das deutsch-türkische Zusammenlebens bleibt so lange problematisch, wie Pauschalvorwürfe dieser Art zwar zurückgewiesen werden können – aber keineswegs völlig grundlos sind. Für hier lebende Türken oder Deutsche türkischer Herkunft gibt es viele Gründe, sich als Bürger zweiter Klasse zu fühlen: Sozialstatus, Bildungsnachteile, Vorurteile über „die Türken“. Dass Deutsche misstrauisch beobachten, ob hier ein Staat im Staat entsteht, das hat der türkische Ministerpräsident leider selbst bestärkt. Bei seinem Besuch in Ludwigshafen hat er den richtigen Ton getroffen, um die Gemüter zu beruhigen. Kurz darauf, bei seinem Auftritt in der Kölner Sporthalle, aber den ganz falschen, als er Assimilierung zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt hat.

Das Wort von den „neuen Juden“ wird in der Türkei anders gehört als in Deutschland, da hat Faruk Sen wohl recht. Schon deshalb aber hätte er es unterlassen müssen. Denn er müsste doch am besten wissen, dass kein Vergleich geeigneter ist, um die Missverständnisse aufzuladen, die ohnehin als Risiko in den unterschiedlichen Kommunikationswelten der Deutschen und der Türken lauern. Und seiner nachträglichen Bitte um Entschuldigung hätte man nur entsprechen können, wenn der Lapsus einmalig gewesen wäre.

Das war er aber nicht. Nicht zum ersten Mal wird Sen vorgehalten, er argumentiere gegenüber deutschen Medien anders als in den türkischen, die ihm offenstehen. Hier konstruktiv, dort polemisch. Wer das gegenseitige Verständnis befördern will, muss pauschalen Bildern entgegenwirken. Sen aber hat beide Vorurteilswelten bedient und damit zum beidseitigen Misstrauen beigetragen. Er hat dem Stiftungszweck geschadet.

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