Der Tagesspiegel : Fasten mit Vernunft

Stillende, Reisende, Kranke und Schwangere genießen im Ramadan Vorrechte

Asle Güleryüz,Anne-Beatrice Clasmann
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Foto: dpa

Die 46-jährige Kadriye sitzt auf ihrem Balkon in Istanbul und frühstückt. Genüsslich schlürft sie an ihrem Tee um 9 Uhr morgens. Normalerweise nichts Außergewöhnliches. Doch wenn dieses Frühstück in die Fastenzeit Ramadan fällt, dann ist es außergewöhnlich. Von jedem frommen Muslim wird erwartet, dass er in dem Fastenmonat zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht isst, trinkt oder raucht. Lediglich Schwangere, Stillende, Reisende und Kranke sind von diesem Verzicht befreit. Das ist auch Kadriyes Argument: „Ich habe ein Magenleiden und nehme Medikamente. Mein Arzt hat gesagt, ich soll nicht fasten.“

Fromme Muslime verzichten im Ramadan einen ganzen Monat lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Auch Sex und das Rauchen sind ihnen in den Stunden des Tages nicht gestattet.

Immer mehr Moslems leiden an den Krankheiten der modernen Gesellschaften: hoher Blutdruck, Diabetes, Herzprobleme. Viele nehmen regelmäßig mehrere Medikamente am Tage. Daher informieren Ärzte in den türkischen Medien über die negativen Folgen des Fastens. Nach 33 Jahren fällt der Fastenmonat in diesem Jahr  – vom 21. August bis 19. September – wieder in einen Sommermonat. Im Schnitt werden 15 Stunden gefastet. Und das bei Temperaturen um die 30 Grad. Ärzte raten allen, die durch diese lange Phase ohne Flüssigkeitszufuhr ihre Gesundheit beeinträchtigen könnten, vom Fasten Abstand zu nehmen. Wollen Muslime mit Diabetes am Ramadan teilnehmen, sollten sie das nur unter ärztlicher Begleitung machen. Darauf weist die in Stuttgart erscheinende Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ hin. Als chronisch Kranke sind Muslime mit Diabetes nicht zum Fasten verpflichtet, viele Gläubige bestünden aber darauf. Unter Anleitung ihres Arztes müssen sie dann die Medikamentendosierung auf die Essgewohnheiten während des Ramadan umstellen.

In dieser Phase gibt es statt drei nur zwei Hauptmahlzeiten – eine am späten Abend und eine morgens vor Sonnenaufgang. Für Diabetiker kehrt sich dadurch im Prinzip nur der Tag-Nacht-Rhythmus um. Vorsicht sei aber bei der morgendlichen Dosierung von Insulin und anderen Arzneimitteln angebracht: Sie können eine gefährliche Unterzuckerung auslösen. Außerdem sollten Muslime mit Diabetes ausreichend trinken, um einen Flüssigkeitsmangel während des Tages zu vermeiden.

„Der Tag ist lang, und das Wetter ist heiß“, stöhnt der Palästinenser Suleiman Wakid (40) am Mittag seines ersten Fastentages. „Ich habe noch keinen Hunger, ich träume nur von einem Glas Wasser und von einer Zigarette – Gott hilft mir durchzuhalten.“ Gemeinsam mit einem Freund sucht Wakid, der in Istanbul für eine Handelsfirma arbeitet, im Bazar nach Datteln für das Mahl zum Fastenbrechen. Das Thermometer zeigt 24 Grad. „Wie geht es jetzt wohl den Muslimen in den arabischen Ländern, wo es noch heißer ist als hier, wie stark muss ihr Durst sein?“, fragt sich Wakid.

Tanju Colak gilt als einer der wichtigsten Fußballer in der türkischen Geschichte. Er äußerte sich auch zu diesem Thema in türkischen Medien: „Wenn Fußballer nicht auf dem Spielfeld umfallen wollen, dann sollten sie nicht fasten. Ich faste erst, seitdem ich nicht mehr Fußball spiele. Und so sollte es auch sein. Ich glaube nicht, dass Gott diese Umstände als Sünde betrachtet. Es steht geschrieben, dass man nicht fasten darf, wenn es um die Gesundheit geht.“ Das Fasten ist in der Türkei nicht Pflicht und bleibt jedem Moslem selbst überlassen. Viele Arbeiter, die sich körperlich anstrengen müssen in ihrer Tätigkeit, fasten nicht. Manche fasten heimlich nicht und andere öffentlich nicht. Die Restaurants sind auch tagsüber geöffnet. So essen und trinken auch viele Moslems öffentlich am Tage, die der muslimischen Regel einfach nicht mehr folgen mögen. Viele argumentieren, dass sie einen stressigen Job haben und einfach tagsüber essen und trinken müssen. Andere sagen, dass sie das Fasten unzeitgemäß finden.

Das Fasten ist eine der sogenannten fünf Säulen des Islam. Dazu zählen auch das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, Almosen geben und die Pilgerfahrt nach Mekka. (dpa)

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