Fatih Akin : ''Ich will das alles erzählen''

Für das Drama "Gegen die Wand" erhielt Fatih Akin vor drei Jahren den Berlinale-Bären. Sein neues Werk "Auf der anderen Seite" läuft am 27. September in den deutschen Kinos an. Ein Interview

Karin Zintz,Dorit Koch[dpa]
Fatih Akin
Regisseur Fatih Akin. -Foto: ddp

Ihr jüngstes Werk "Auf der anderen Seite" liefert nun

den zweiten Film Ihrer Trilogie um Liebe, Tod und Teufel. Wie hat sich der hohe Erwartungsdruck auf dieses Projekt ausgewirkt?



Ich finde es ein bisschen schade, den Film unter diesem Erfolgsdruck gemacht zu haben. Vielleicht wäre der Film befreiter geworden, wenn man nicht hätte darüber nachdenken müssen, was die Jury in Cannes dazu sagen wird, was die Kritiker sagen werden.

Bedeutet das, Sie mussten sich auf Kompromisse einlassen?

Nein, ich habe mir einfach nur zu sehr Gedanken gemacht, wie es Leute von außen empfinden. Man muss immer das machen, was man machen möchte. "Auf der anderen Seite" ist genau das, was ich von der Thematik her erzählen wollte. Viele meinten, es sei zu viel, was ich da reinpacke. Aber: Ich will das alles erzählen und ich will es jetzt erzählen.

Sie betonen immer wieder, dass Ihre Filme viel Autobiografisches haben. Demnach lief Ihre Entwicklung vom kleinen Gangster über den Proletarier bis zum intellektuellen Hochschullehrer. Was kommt als Nächstes?

Dass ich in Hamburg Studenten unterrichtet habe, hat mich bei meinem proletarischen Hintergrund schon selbst beeindruckt. Aber vielleicht werde ich als nächstes wieder zum Gangster. Das Leben ist doch ein Wunder, das sich in Kreisläufen abspielt.

Hat die Tatsache, dass Sie selbst Vater geworden sind, die Arbeit an dem neuen Film beeinflusst?

Unbedingt. Ich hab das Drehbuch in der Schwangerschaft geschrieben und nach der Geburt verfilmt. Da erlebt man natürlich emotionale Achterbahnfahrten und fundamentale Veränderungen. Kino ist eine herrliche Kunstform, aber angesichts der Verantwortung einem Kind gegenüber ist das doch alles trivial.

Worum wird es im letzten Teil Ihrer Trilogie gehen?

Der Teufel, also das so genannte Böse, das ist für mich das Gegenteil von Liebe: Also Neid, Gier, Missgunst, Ignoranz. Ich wollte mich in der Trilogie ganz allgemein mit Fragen der Menschheit beschäftigen. Das interessiert mich und ich finde es wichtig.

Die türkischen Frauen in ihrem Film sind nicht gefügig oder unterdrückt, sondern sexy und kraftvoll. Wollen Sie bewusst einen Gegenpol zum Klischee der Frau mit dem Kopftuch setzen?

Das hab ich nicht mit Absicht so angelegt. Voller Absicht gegen Klischees habe ich den türkischen Germanistik-Professor in die Geschichte gebracht. Die Frauen sind eher so, wie ich sie auch selbst erlebe. Ich kenne in meinem Umfeld und meiner türkischen Familie einfach keine unterdrückten, verschleierten Frauen, die immer ein paar Schritte hinter ihrem Mann herlaufen müssen.

Ist es Ihnen angenehm, wenn Hanna Schygulla Sie mit Rainer Werner Fassbinder vergleicht?

Das ist in Ordnung, davor laufe ich nicht weg. Ich kannte Fassbinder nicht persönlich, aber ich kenne seine Filme. Ich hoffe mal, sie meint damit die bedingungslose Liebe dem Kino gegenüber. Da hat sie Recht. Aber ich arbeite ganz anders, nicht so schnell und so fanatisch wie Fassbinder. Und menschlich bin ich ohnehin ganz anders drauf.

Welche Schauspieler würden Sie in Zukunft gern vor Ihre Kamera holen?

Ich würde liebend gerne mal mit Sean Penn arbeiten. Naomi Watts finde ich großartig, auch Gong Li oder Armin Mueller-Stahl. Oder endlich mal wieder mit Moritz Bleibtreu. Moritz und ich treffen uns ja immer wieder, weil wir privat befreundet sind. Die Zusammenarbeit mit ihm vermisse ich wahnsinnig.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Ich drehe bereits - in Etappen - "Der Müll im Garten Eden", ein Dokumentarfilmprojekt über den Kampf eines kleinen Dorfes gegen die türkische Regierung. Das wird sehr spannend, ein richtiger Thriller. Frühestes Ziel ist Cannes 2009.