Der Tagesspiegel : Fehleinwurf-Metropole: Das Müll-Barometer

Bernd Matthies

Die Leute in Frankfurt/Oder sind nicht zu beneiden. Den Ignoranten in Restdeutschland gelten sie praktisch als Bewohner von Ural oder Balkan, die feuchten Niederungen hinter den Deichen machen Zugereiste schwermütig und treiben vor allem arglose West-Bürger schnell zurück westwärts. Der Eingeborene schluckt und schluckt - und hat doch kaum eine Möglichkeit, Dampf abzulassen, weil ja sonst niemand in Reichweite ist, außer all den anderen Frankfurtern.

Doch jetzt ist das Ventil gefunden. In der Oderstadt nämlich traktiert man die Gelbe Tonne so lustvoll mit banalem Hausmüll, dass keine andere deutsche Stadt auch nur annähernd mithalten kann: Frankfurt ist mit satten 76 Prozent die deutsche Fehleinwurf-Metropole. Noch 1995 waren es nur rund 50 (auch schon problematische) Prozent, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Druck auf die Bewohner seitdem noch zugenommen hat. 70 000 sind es, und jeder von ihnen wirft jährlich 55 Kilogramm Müll in die Gelbe Tonne - bundesweit sind es nur 25 Kilo.

Bemerkenswert ist die Disziplin in der Undisziplin: Die Fehlerquoten in Papier- und Glascontainern sind in Frankfurt ganz normal. Daraus folgt, dass wir es hier nicht mit der ganz normalen Schussligkeit eines unterprivilegierten Volksstammes zu tun haben, sondern mit einer ebenso subtilen wie gezielten politischen Demonstration. Nicht mit mir! sagt der Bürger der gebeutelten Oderstadt, aber er drückt es in seiner ureigenen Sprache aus.

Die unvermeidliche Konsequenz: Fortan wird uns die Frankfurter Fehleinwurfquote als politisches Barometer dienen. Erst, wenn sie auf das Niveau von Frankfurt/Main gesunken ist, darf die deutsche Einheit als endgültig vollzogen gelten.

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