Der Tagesspiegel : Feine Stoffe

Francesco Clementes Zelte bei Blain Southern.

Marcus Woeller
Rückzug. Clementes Zelt „Taking Refuge“ in der Galerie Blain Southern. Foto: C. Glaeser
Rückzug. Clementes Zelt „Taking Refuge“ in der Galerie Blain Southern. Foto: C. Glaeser

Francesco Clemente lebt in Bildern. Die Produktion des italienischen Künstlers ist immens, seit er sich in den 1970er Jahren der Malerei zuwandte. In seinen Bildern lebt Clemente aber auch immer als wiederkehrendes Motiv: Selbstporträts bevölkern seine Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen. Mit seiner neuen Arbeit „Tents“ in der Berliner Galerie von Blain Southern hat er sich einen Traum erfüllt, wirklich in seinen Bildern zu leben, mit ihnen zu reisen, sie praktisch an jedem Ort sichtbar und fühlbar um sich zu haben.

Als Reisenden führt es Clemente immer wieder nach Indien. „Indien war für mich Liebe auf den ersten Blick“, erklärt der 71-Jährige. „Dort hatte ich sofort das Gefühl, nach Hause zu kommen. Vielleicht lag es am Licht oder den Gerüchen oder einer sinnlichen Vertrautheit.“ Dass es auch die Bilder des asiatischen Subkontinents sind, steht für Clemente außer Frage. Vor allem aber prägte ihn der im Vergleich zu seinem Hauptwohnsitz New York andere Umgang mit Bildern. Seine Gemälde reflektierten Inklusivität und gleichzeitig Mannigfaltigkeit. „Ich möchte, dass meine Bilder zeigen, wie aus dem Einzigen das Zahlreiche wird, die Einzigartigkeit aber nicht in der Vielfältigkeit aufgegeben wird.“

Diesem Prinzip verleiht Clemente in seiner Ausstellung Gestalt. Drei traditionelle indische Zelte hat er bemalt und mit Ornamenten bedruckt. Einzelne Bilder verschwimmen in der Fernsicht zu einem Muster. In der Nahsicht treten Einzelheiten hervor: Embleme und Hieroglyphen, Textfragmente und magische Zahlenquadrate. Die Zelte bilden gewissermaßen eine wohnliche Einheit. Das erste, „Standing with Truth“ bildet das repräsentative Entree. Auf den Stoffwänden sind menschliche Zustandsbeschreibungen abgebildet. Eine geflügelte Figur schwebt über dem Eingang. Schlangenbeschwörer blasen auf der Flöte. Traum und Wirklichkeit, orientalische Motive und Clementes eigener Bildkosmos vermischen sich. Mit dem Typus Zelt arbeitet er das erste Mal in einem architektonischen Sinn dreidimensional: „Mein Werk wurde immer als nomadisch beschrieben. Diese Zuschreibung wollte ich wörtlich nehmen und Objekte schaffen, die ein nomadisches Leben verkörpern.“

Das zweite Zelt ist eindeutig als „Museum Tent“ entworfen. Außen prangen berühmte Bauten, innen gestikulieren Selbstbildnisse. Hier erinnert noch vieles an den Francesco Clemente, der um 1980 als Künstler der Transavanguardia berühmt wurde. Eine figurative Malerei, die radikal mit der konzeptuellen Spätmoderne brach und lustvolle Sinnlichkeit, Selbstreflexion und künstlerische Schöpferkraft propagierte. Von der Kritik weitgehend als egozentrischer Neokonservatismus betrachtet, machten die Künstler der Transavanguardia wie Clemente, Sandro Chia oder Enzo Cucchi auf dem Kunstmarkt Furore, um bald wieder in Vergessenheit zu geraten.

Mit dem dritten Zelt „Taking Refuge“ erschafft sich Clemente endgültig eine Zuflucht, die alles Äußere hinter bunt bestickten Stoffbahnen abschirmt und zur Innerlichkeit seiner Bildwelten einlädt. Zu Buddhafiguren gemorphte Tiergottheiten mahnen hier an den Lebenszyklus, an das Vergehen alles Irdischen, aber auch das Versprechen einer Wiederkehr. Buddhist sei er nicht, er interessiere sich für alle Religionen, sagt Clemente und scheint sich in der dunklen Höhle des letzten Zelts in diesen plakativen Multispiritualismus zu verabschieden.

Mit seiner großen Installation beschließt Clemente ein von resoluter Abseitigkeit und individueller Konsequenz geprägtes Werk. Gleichzeitig öffnet er seine malerischen Anliegen noch einmal zu neuen Wegen. Man kann sich gut vorstellen, wie er in der bildlichen Geborgenheit seiner Zelte überall sein Lager aufschlagen kann, als eigenwilliger Nomade der Malerei. Ob er mit dieser gattungsspezifischen Konstanz auch ein Plädoyer für die Malerei an sich halten wolle? „Ich verstehe mich nicht als Anwalt der Malerei. Ich male. Aber malen ist kompliziert“, kokettiert er. „Malen sollte man nur als letzten Ausweg.“ Marcus Woeller

Galerie Blain Southern, Potsdamer Str. 77–87; bis 9. 11., Di–Sa 11–18 Uhr

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