Der Tagesspiegel : Fest der Autoren

Französische Filmwoche beginnt in Berlin

Elisabeth Scherrer

Von außen gesehen – und auch die französischen Medien vermitteln den Eindruck – steht das französische Kino prächtig da. 190 Produktionen im vergangenen Jahr und ein heimischer Marktanteil von 45 Prozent – das ist uneinholbarer europäischer Rekord. Tatsächlich verbergen die schönen Zahlen, Frucht weniger kommerzieller Einzelerfolge, eine schwelende Krise des Autorenfilms – jener films d´art et d´essai, die immer weniger Zuschauer anlocken.

Ein erster Notruf kam im Februar von Pascale Ferran: Die Regisseurin beschuldigte die französische Filmindustrie, Autorenfilme in Sachen Finanzierung und Abspielmöglichkeiten gegenüber den kommerziellen Produkten massiv zu benachteiligen. In Cannes bekräftigte sie den Vorwurf, in Frankreich würden zu viele unnötige Filme gedreht. Die Produktionsgeschichte von „Lady Chatterley“, Ferrans jüngstem Film, veranschaulicht die Krise. Er hält sich zwar, durchaus publikumsträchtig, an den einstigen Skandal-Bestseller von D. H. Lawrence – wegen seiner Dreistundenlänge, der wenig bekannten Darsteller und des ungewöhnlichen Drehbuchs aber hatte kein Fernsehsender finanziell einsteigen wollen. Schließlich sprang Arte ein, und der Film, der auf der vergangenen Berlinale lief, wurde – mit fünf Césars – großer Sieger bei den französischen Oscars.

„Lady Chatterley“, die Geschichte um die verheiratete Constance Chatterley, die im England der zwanziger Jahre mit einem Wildhüter die Sinnlichkeit entdeckt, läuft auf der heute beginnenden 7. Französischen Filmwoche in Berlin. Insgesamt sind 16 neuere französische Produktionen zu sehen – überwiegend Autorenfilme. Im Benoît Jacquots Eröffnungsfilm „L´intouchable“ sucht eine junge französische Schauspielerin (Isild le Besco) in Indien ihren Vater und sich selbst. Christophe Honorés Familienporträt „Dans Paris“ funktioniert als erfrischende Hommage an die Nouvelle Vague, außerdem werden etwa Tony Gatlifs Roadmovie „Transylvania“, Catherine Corsinis Komödie „Les ambitieux“ oder Maiwenns autobiografisches Debüt „Pardonnez-moi“ gezeigt. Und in der Sektion „Francociné“ sind Filme aus der Schweiz, Belgien und Quebec zu sehen.

Vielleicht ist Pascale Ferrans Pessimismus doch nicht so angebracht? Benoît Jacquot und Tony Gatlif jedenfalls verkünden gern: Die französische Filmkunst wird ewig leben. Elisabeth Scherrer

Cinema Paris und FT Friedrichshain, bis 20. Juni. Details unter www.franzoesische-filmwoche.de