Festspielhaus Hellerau : Ein künstlerisches Wagnis

Vor einem Jahr wurde das Festspielhaus Hellerau wiedereröffnet. Die Auslastung des Hauses beweist die Qualität des künstlerischen Programms.

Jörg Schurig[dpa]
Festspielhaus Hellerau
Das Festspielhaus Hellerau beherbergt das Europäische Zentrum der Künste. -Foto: ddp

DresdenEin Jahr nach der Wiedereröffnung des Hellerauer Festspielhauses in Dresden ist auf dem Gelände nur noch äußerlich alles beim Alten. Das Gebäude präsentiert sich noch immer ohne Putz, auf dem Vorplatz stehen bei schlechtem Wetter Pfützen. Touristen müssen sich mangels Ausschilderung auf ihrem Weg vom Zentrum Dresdens zum Festspielhaus auf Navigationssysteme oder Intuition verlassen. Doch inhaltlich ist das im Festspielhaus wirkende Europäische Zentrum der Künste (EZK) genau so geworden, wie es sich Intendant Udo Zimmermann (63) immer gewünscht hat: "Hellerau ist für mich ein Abenteuer - bis zur Stunde. Das Vorhaben ist unterwegs, da ist kein Ziel", sagt der international renommierte Komponist. Auch wenn Wünsche nach einer ausreichenden finanziellen Ausstattung offen blieben: "Ich kann diese Zeit nur mit außerordentlich großer Zufriedenheit reflektieren", sagt Zimmermann.

Im ersten Jahr sind 28.000 Gäste zu 167 Veranstaltungen gekommen. Die Auslastung lag bei 85 Prozent. "Wir haben sehr viel junges Publikum. Momentan boomen gerade Führungen in englischer und französischer Sprache", berichtet Marketingchefin Saskia Leistner. Auch das Interesse am Gebäude als Vorläufer des Bauhauses sei groß. "Für die Stadt Dresden und die Kulturpolitik war es von eminenter Bedeutung, dass dieser Ort wiedererstand. Damit wurde ein Zeichen für die Moderne in der Barockstadt gesetzt", sagt Dresdens amtierender Oberbürgermeister Lutz Vogel (parteilos). Viele Projekte hätten diesen Anspruch eingelöst. Dennoch entstehe mitunter der Eindruck, "dass Hellerau außerhalb von Dresden mehr wahrgenommen wird als in der Stadt selbst". Zimmermann sieht aber auch international den Durchbruch noch nicht erreicht. "Es war klar, dass wir das nicht in zwölf Monaten schaffen. Unter fünf Jahren ist das nicht möglich", betont der Künstler.

Hellerau agiert ab 2009 ohne Intendant

In seiner Amtszeit wird er die "internationale Reifeprüfung" womöglich nicht mehr erleben. Ab 2009 gibt es in Hellerau nämlich keinen Intendanten mehr. Die Stadt Dresden hält einen künstlerischen Leiter für ausreichend, Zimmermann scheidet aus. Dass diese Personalentscheidung für Missklang sorgen könnte, will Zimmermann nicht kommentieren. Paradoxerweise hat sie sogar eine gute Seite für den Intendanten: Er findet künftig wieder Zeit zum Komponieren. Unlängst hat er bereits eine Solo-Konzert für den Cellisten Jan Vogler angekündigt. "Ich könnte auch eine Oper schreiben. Angebote gibt es genug", sagte der 63-Jährige und spricht vom Versuch, aus dem "Verwaltungsbetrieb der Kunst auszusteigen". Bis dahin will sich Zimmermann aber noch ganz um seine Hellerauer Projekte kümmern.

Als Gründer der "Dresdner Tage für zeitgenössische Musik" bleibt Zimmermann ohnehin beim Europäischen Zentrum der Künste. Denn das beherbergt Tanz, Musik, Theater, Architektur, Bildende Kunst und Medienkunst unter einem Dach. "Das ist einmalig", sagt der Chef. International begehrte Ensembles wie die Tänzer der Forsythe Company oder die russische Truppe Derevo dienen als Aushängeschild. In den kommenden beiden Jahren hat Zimmermann noch viel vor. Erneute Bauarbeiten bringen logistische Schwierigkeiten mit sich. 2008 ist ein Melodram von Helmut Oehring ("Don Quichotte trifft Peter Weiss") als Hauptwerk vorgesehen. 2009 soll Mauricio Kagel mit dem Stück "Mobile-Immobile" geehrt werden. Manche Projekte musste der Chef indes begraben. Die Aufführung des "Licht"-Zyklus von Karlheinz Stockhausen blieb ein Wunschtraum.