Film : Das Vergehen ist ein langer, ruhiger Fluss

Sterberituale und Umweltnöte: Gayle Ferraros Dokumentarfilm "Ganges – Fluss zum Himmel“

Silvia Hallensleben

Benares, Kashi, Varanasi: Das sind Namen aus verschiedenen Epochen für ein und dieselbe Stadt, deren spektakuläre Wasserfront mit den vielen zum Flussufer führenden Stufen wohl fast jeder aus Filmen oder Abbildungen kennt. Ghats heißen die breiten Treppen, auf denen seit Jahrhunderten religiöse Bräuche und profaner Alltag eine lebendige Einheit eingehen. Sündenablass, Waschtrog, Rindertränke, Abwasserkanal und Friedhof: Die Millionenstadt im Bundesstaat Uttar Pradesh ist als heiligste Stadt der Hindus ein indisches Mekka, doch statt kollektiver Hadj ist hier oberste Pilgerpflicht das individuell-rituelle Reinigungsbad im trüben Fluss.

Und, vor allem, der Tod an seinen Ufern: Denn wer in Varanasi sein irdisches Leben aushaucht, kann den ewigen Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und unmittelbar himmlisches Heil erlangen. So ist der bei uns fast unsichtbar gewordene Tod in Varanasi höchst präsent: Viele Sterbende werden von ihren Familien aus dem ganzen Land in die Stadt gebracht, um in speziell dafür eingerichteten Hospizen dem Ende entgegenzuwarten. Meist nur für Tage oder Wochen, doch manche Siechende, die dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen sind, beginnen hier auch ein zweites Leben.

Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Ganges – Fluss zum Himmel“ begleitet vier Familien auf dem letzten Weg bis zur Einäscherung am Gangesufer und registriert dabei auch die sozialen und ökologischen Folgen der indischen Gangamanie. So hat sich im Lauf der Jahrhunderte ein ebenso spezialisiertes wie ausdifferenziertes Sterbetourismusgewerbe herausgebildet, welches das Prozedere begleitet und verwaltet. Besonders brisant dabei sind die unausweichlichen ökologischen Folgen dieser massenhaft befolgten Tradition. Denn zu den sterblichen Überresten aus den Scheiterhaufen und den aus der Stadt eingeleiteten Fäkalien landen auch tierische Kadaver und die verwesenden Leichen von Priestern, Lepra-Kranken und kleinen Kinder im Fluss, die aus religiösen Gründen unkremiert versenkt werden.

So ist das heilige Gangeswasser – einst begehrter Exportartikel ins ganze Land – heute so stark mit Kolibakterien und anderen Krankheitserregern verseucht, dass schon oberflächlicher Kontakt eine Gesundheitsgefahr darstellt, was die heilsuchenden Hindus allerdings nicht am Seelenbaden hindert.

Schon diversen Medien waren diese Verhältnisse eine entsetzte Reportage wert. Leider schneidet auch die amerikanische Regisseurin Gayle Ferraro in ihrer Dokumentation immer wieder in typischer Fernsehmanier kurze und oberflächliche Statements zwischen die beobachtenden Szenen bei den Familien. So gerät der Film zwischen Sterbebett und derlei Experten-Häppchen zum konzeptuellen Zwitter, zusammengehalten vor allem durch das Motiv des Flusses selbst und die landestypischen Ethnoklänge im Soundtrack, die westliche Indien-Sehnsüchte allzu gefällig bedienen.

In Berlin im Eiszeit (OmU)