Der Tagesspiegel : Film: Die Magie der kleinen Dinge

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Neugedeckte Dächer und Plastikfenster sind Hans-Jürgen Deponte ein Graus. Schließlich war es seine Aufgabe, für den ZDF-Vierteiler "Liebesau - Die andere Heimat" den Alltag in der DDR wiederzuentdecken und nachzustellen, und da waren Baustoffe bekanntlich knapp. Der Film, eine Koproduktion von UFA und ZDF, erzählt in insgesamt vier Teilen die Geschichte und den Alltag eines kleinen Dorfes in Sachsen-Anhalt in der Zeit von 1953 bis zum Fall der Mauer. Im nächsten Frühjahr soll er ins Fernsehen kommen.

Die Suche nach dem idealen Dorf war nicht einfach. Über 200 Dörfer besichtigte das Team in Sachsen-Anhalt, 80 besuchte Szenenbildner Deponte persönlich. "Wir suchten ein richtiges Dorf mit Dorfplatz, Kirche und Feldern drumherum", sagt Deponte. Weil man das nicht fand, entschied man sich am Ende, die drei Dörfer Bösewig, Sackwitz und Gommlo zum fiktiven Dorf Liebesau zu verschmelzen. Begeistert halfen die Bewohner mit Utensilien aus der Vergangenheit aus: vom Original-DDR-Toaster über Cocktailspießer bis hin zu Kleidern und Kittelschürzen in verschiedensten Größen und Farben. "All diese Kleinigkeiten der Bewohner waren unheimlich hilfreich", sagt Deponte. Schließlich seien es oftmals gerade die Details, die die Erinnerung wieder lebendig werden lassen. "Damals durfte eben beim Appell die DDR-Fahne genausowenig fehlen, wie die Thälmann-Büste", erinnert sich Deponte. Auch Leuchtreklamen und Wandbilder hatten in der DDR ihren eigenen Charme. Es sei unglaublich, was man auf den Dachböden und in den Scheunen der Leute heute noch fände. Da kann selbst der umfangreiche Defa-Fundus nicht mithalten. Auch Museen sind für Deponte immer wieder eine wertvolle Fundgrube. So stammen die Mähdrescher und Traktoren, die im Film zum Einsatz kommen, aus dem Landwirtschaftsmuseum in Zahna (Sachsen-Anhalt), die Möbel aus dem DDR-Museum in Wittenberg. Schwieriger war die Suche nach den im Film benötigten sowjetischen Kampfhubschraubern und T34-Panzern. Aber auch die fand Deponte: Den Hubschrauber stellte ein Sammler zur Verfügung, die Panzer ein Bauunternehmer, beide aus Westdeutschland. Doch bestimmte Dinge aus dem DDR-Alltag suchte Deponte vergeblich. Einen Dorfkonsum etwa. Der musste mit allen Veränderungen, die sich in den 40 Jahren Filmhandlung ergaben, in den Babelsberger Studios nach Skizzen von Deponte nachgebaut werden. Ebenso das Kulturhaus, der Bahnhof und das Feuerwehrhaus in Liebesau. So sehr der DDR-Alltag im Film auch lebendig wird, im wahren Leben ist er Geschichte.

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