Filmfestspiele Venedig : Alles dreht sich um Krieg

Die Zukunft von Venedigs Filmfestspielen ist unsicher. An der Übermacht der Hollywood-Filme liegt es nicht, auch nicht an den Stars. Festivalleiter Marco Müller ist schuld, er beschwert sich, ist unlustig. Dennoch verspricht es ein tolles Filmspektakel zu werden. Der thematische rote Faden: Krieg.

Peer Meinert[dpa]
Venedig
Spielen im Eröffnungsfilm "Atonement": Vanessa Redgrave, Joe Wright, Saoirse Roman und Keira Knightley. -Foto: dpa

VenedigGroße Stars sind zum Auftakt des Filmfestivals nach Venedig gekommen, große Filme wohl auch. Als erste Hollywood-Größe schwebte Vanessa Redgrave ein, fast scheu winkte sie den Fotografen, kaum gelandet zog sie sich ins abgeschirmte Hotel "Cipriani" zurück. Den Rummel mag die heute 70-Jährige, die in Joe Wrights Eröffnungsfilm "Atonement" neben der schönen Keira Knightley spielt, schon lange nicht mehr. Eigentlich könnte Festivaldirektor Marco Müller rundum zufrieden sein: Niemals zuvor waren so viele potenzielle Blockbuster nach Venedig gekommen, niemals zuvor gab es so viel Hollywood-Prominenz am Lido. Doch stattdessen herrscht wieder mal Unsicherheit in der Lagunenstadt. Geht Marco Müller oder bleibt er? "Vielleicht ja, vielleicht nein", lässt dieser sich vernehmen - die Spekulationen blühen.

Dabei war es Marco Müller, der das altehrwürdige Festival gründlich entstaubt hat. Zwar feiert das Filmfest in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag ("das älteste Festival der Welt") - doch im Grunde lief Venedig lange Jahre Gefahr, gegenüber der Konkurrenz von Cannes und Berlin immer mehr an Bedeutung zu verlieren. Innerhalb von vier Jahren schaffte es der Filmproduzent Müller, die Aura des "Autorenkinos" und der Avantgarde abzustreifen. Neun der 22 Wettbewerbsfilme sind dieses Jahr US-Produktionen (davon drei Co- Produktionen) - Müller, selbst passionierter Liebhaber des fernöstlichen Kinos, setzte ganz offen auf Hollywood.

Nicht die Autorenfilme bringen den Irakkrieg auf die Leinwand - sondern Hollywood

 Schon der diesjährige Eröffnungsfilm ist atemberaubend. "Atonement" von Regisseur Joe Wright (mit Redgrave, Knightley und James McAvoy), eine raffinierte und verschlungene Story im großbürgerlichen Großbritannien der 30er Jahre: Ein junger Angestellter und Liebhaber der Tochter des Hauses wird von deren fantasiebegabten jüngeren Schwester, die gerne Geschichten und Theaterstücke schreibt, einer Vergewaltigung beschuldigt. Statt ins Gefängnis darf er an die Front gegen die Deutschen ziehen. "Der Film handelt von der zerstörerischen Gewalt des Erzählens", meint Regisseur Wright. Sein Streifen gilt als echte Überraschung.

Doch richtig heiß versprechen die anderen der 22 Wettbewerbsfilme zu werden. "Redacted" heißt der Beitrag von Hollywood-Regisseur Brain De Palma ("Mission: Impossible"). Es geht um die Vergewaltigung und Ermordung eines 14-jährigen Mädchens durch US-Soldaten im Irak. Kritiker sprechen schon von einer "Bombe". Es sind die grausigsten Seiten des Krieges, die hier ans Licht gebracht werden. Dann ist da Paul Haggis mit "In the Valley of Elah", ein Kriegsheimkehrer- Drama, in dem sich die Eltern auf die Suche nach ihrem Sohn machen, der nach seinem Irakeinsatz verschollen ist. "Das dominierende Thema dieses Jahr heißt Krieg", meinte Müller. Bemerkenswert: Nicht die "Autorenfilmer" oder die europäische Avantgarde bringen den Irakkrieg auf die Leinwand - das tut ausgerechnet Hollywood.

"Venedig ist ein Filmfestival, das in Gefahr ist"

Dennoch kann Müller nicht recht glücklich werden. Immer wieder spricht er öffentlich über die wirtschaftlichen Probleme in Venedig, klagt über mangelhafte Infrastruktur und veraltete Säle. Dann ist da noch die missliche Konkurrenz des Filmfestivals von Rom. "Venedig ist ein Filmfestival, das in Gefahr ist", warnt der Noch-Direktor. Im Dezember läuft sein Vertrag aus. Ohne feste Zusagen über mehr Geld und den Bau eines neuen Festivalgebäudes will Müller gar nichts entscheiden: "Über die Zukunft kann ich nichts sagen."