Filmpreis : Die Oscar-Nacht in Zeiten der Rezession

Die Stimmung auf der 81. Verleihung der Oscars in Los Angeles wurde deutlich von der Rezession im Lande getrübt. Die an Höhepunkten arme Show kann die Sinnfrage der in die Jahre gekommen Veranstaltung nicht beantworten. Trotzdem sorgte der Auftritt von Oscarpreisträgerin Kate Winslet für einen Lichtblick.

Matthias B. Krause
Oscar
Die großen Gewinner: Kate Winslet (links), Sean Penn, Penelope Cruz.Foto: AFP

SeattleWahrscheinlich hätte ihr auch ein Shampoo-Flasche gereicht, so sie denn nur die Auszeichnung für die Gewinnerin gewesen wäre. Genau so eine Flasche, wie sie sie schon als Achtjährige im heimischen Badzimmer in den Spiegel hielt und tat, als hätte sie gerade den Oscar gewonnen. Nun darf Kate Winslet den goldenen Mann tatsächlich in ihr Regal stellen, im sechsten Anlauf für die beste weibliche Hauptrolle im Film "The Reader", basierend auf dem Roman "Der Vorleser" des Berliner Autoren Bernhard Schlink. Mit feuchten Augen, großem Lächeln und kaum gebremster Aufregung drohte sie am Sonntagabend im Kodak Theater in Hollywood, prompt in den Ohnmacht zu fallen. Was dann natürlich doch nicht passierte. Ihr Auftritt bei der 81. Verleihung der Oscars in Los Angeles war eines der Glanzlichter in einer an Höhepunkten armen Show, deutlich gedämpft von der Rezession im Lande und der weiterhin unbeantworteten Sinnfrage der in die Jahre gekommen Veranstaltung.

Oscar-Verleihung 2009
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1 von 14Foto: dpa
29.07.2009 08:31



Schon bevor die Wirtschaftskrise alle Lebensbereiche Amerikas traf, musste sich die Academy Awards-Show fragen lassen, ob sie noch zeitgemäß ist. Bereits im Jubiläumsjahr waren die Quoten deutlich zurückgegangen, Hauptsponsoren zogen sich zurück, der TV-Sender ABC musste seine Anzeigenpreise von 1,7 Millionen Dollar auf 1,4 Millionen Dollar für einen 30-Sekunden-Spot drosseln. Statt General Motors, das vor der Pleite steht, warb nun eine koreanische Autofirma als Hauptsponsor, ein Konzern, der seine Kunden derzeit mit dem Versprechen lockt, ihre Wagen zurückzunehmen, sollten die Käufer arbeitslos werden. Die Frage, wie man in einer solchen Atmosphäre sich und die Branche feiert, hatte viele Stars mit Zurückhaltung und gedeckter Farbwahl beantwortet. Pastell-Töne herrschten vor, gedecktes Weiß, Silber, Schwarz. Angelina Jolie, wie Winslet ebenfalls für die weibliche Hauptrolle nominiert, trug neben einem schlichten Schwarzen nur große grüne Ohrringe und einen ebensolchen Stein um den Hals. Winslet wiederum kleidete sich in ein bläulich-silbernes Kleid mit schwarzen Akzenten, verzichtete aber nicht auf übergroße Ohrringe und ein ebenso prächtiges Brillantenarmband.

"Erholung von der Wirklichkeit"

Queen Latifah bekannte auf den Roten Teppich: "Uns ist bewusst, dass die Menschen in Amerika und in der Welt leiden, aber ich denke, jeder braucht ab und zu Erholung von der Wirklichkeit. Das erreichen die Filme und das erreicht der Oscar." In der Tat geht es der US-Filmbranche noch verhältnismäßig gut, die Umsätze waren im vergangenen Jahr um neun Prozent gestiegen. Doch die Mutterkonzerne der Studios streichen, wo sie nur können. Die Showdesigner hatten deshalb am Oscar-Abend auf deutlich weniger Gold gesetzt auf der Bühne, stattdessen herrschten Schwarz und Blau vor. Hugh Jackman führte durch die Nacht und fühlte sich zwischen all den berühmten und weltläufigen Berufskollegen als "Australier, der in einem Film mit dem Namen Australien einen Australier spielt." Wenig später scherzte er bei einer seiner Einführungsnummern, dekoriert mit Pizza-Kartons und Toilettenpapier: "Alles wird im Augenblick zusammengestrichen, demnächst spiele ich wahrscheinlich in einem Film, der Neuseeland heißt."

"Slumdog Millionair" räumt ab

Da kam es gerade recht, dass ausgerechnet in diesem Jahr Bollywood Hollywood mit seiner Farbenpracht und seiner exotischen Musik für sich einnahm. "Slumdog Millionair", die Geschichte eines indischen Jungen, der es vom Slum-Kind zum Millionär bringt, räumte ab, was es abzuräumen gab. Von elf Nominierungen gewann der Film acht, darunter die prestigeträchtigen Oscars für den besten Film und die beste Regie, der an Danny Boyle ging. Brad Pitt, der mit "The Curious Case of Benjamin Button" im Rennen war, nahm es gelassen. Andere gaben sich weniger zurückhaltend. Frank Langella, der sich in seiner Rolle als Richard Nixon in "Frost/Nixon" Sean Penn als Sieger in der Kategorie beste männliche Hauptrolle geschlagen geben musste, nutzte den Abend gnadenlos als Jobbörse: Er sorge sich nicht um den Preis, sagte er, sondern um seinen nächsten Job: "Ich suche mir sehr genau aus, was ich mache. Aber für die Casting-Agenten, die heute zuhören, habe ich diese Worte: Ich bin zu haben."

Penn wiederum, der für seine Darstellung des Schwulen-Politikers Harvey Milk, einem Vorreiter der Bewegung in San Francisco, gewann, nutzte die Gelegenheit für ein politisches Statement. Er sei dankbar in einem Land zu leben, dass sich einen "eleganten und wortgewandten Präsidenten" leiste. Und jene, die in Kalifornien im vergangenen November gegen die Legalisierung der Home-Ehe stimmten, sollten sich schämen: "Wir brauchen gleiche Rechte für alle." Der wohl emotionalste Moment des Abends war die Vergabe des Oscars für den besten Nebendarsteller, der posthum an Heath Ledger ging für seinen "Joker" im aktuellen Batman-Film. Die Auszeichnung für den im Januar 2008 an einer Überdosis Medikamente im Alter von 28 Jahren gestorbenen Australier nahmen sein Vater, seine Mutter und seine Schwester entgegen.

Sparpartys in der Krise

Nicht nur auf den Roten Teppich traute sich niemand mehr mit Millionen Dollar teuren "Cinderella"-Pumps wie die des Designers Stuart Weitzman, auch die Partys nach der Show waren dieses Mal nicht so opulent wie einst. Einige sagten ihre Sausen ganz ab, andere strichen ihre Budgets um bis zu 75 Prozent zusammen. Dekorationen wurden zum Teil vom Vorjahr recyled und die "Los Angeles Times" konstatierte: "Die Oscars sind nicht mehr so golden." Star-Publizist Howard Bragman sagte der Zeitung: "Es war mal schick zu prahlen, dass man 16-Millionen-Dollar-Juwelen trägt. Das gilt jetzt als geschmacklos." Und statt Gänseleber gibt es Miniburger. Doch nicht alle sind mit der neuen Bescheidenheit einverstanden. Hal Rubenstein, Fashion-Chef des "InStyle"-Magazines lästerte bereits vor der Show im Morgenfernsehen: "Wollen die Leute wirklich einen Haufen Frauen sehen, die in schwarzen Hosenanzügen den Roten Teppich hinunterlaufen? Das hier ist eine Rezession, nicht das Ende der Welt." Auch Wolfgang Puck, der aus Österreich stammende Star-Koch, der am Abend 3.000 Oscars aus geräuchertem Lachs servierte und zudem eine Variante aus Schokolade mit hauchdünnem Gold belegt im Angebot hatte, leistet sich seine eigene Sicht der Dinge: "Wir müssen uns noch mehr anstrengen als sonst, weil das wirtschaftliche Klima so schlecht ist. Wir müssen Geld ausgeben, sonst funktioniert das Konjunkturpaket von Präsident Obama nicht."