Der Tagesspiegel : Flaute auf polnischen Basaren

CLAUS-DIETER STEYER

Den Grenzmärkten fehlen die Kunden / Friseure und Garagen billig wie ehedemVON CLAUS-DIETER STEYER SLUBICE.Die Schrift auf dem Feuerwerkskörper ist chinesisch.An einer Stelle ist ein stilisiertes "GS"-Zeichen auszumachen, das wohl für "geprüfte Sicherheit" stehen soll.Doch die Fälschung fällt sofort ins Auge.Die Silvesterartikel, die wie jedes Jahr in großen Mengen auf den polnischen Grenzmärkten angeboten werden, sind alles andere als sicher.Wo schon die Gebrauchsanweisung nicht zu entziffern ist, steigt das Unfallrisiko.Trotz des Einfuhrverbotes nach Deutschland entdeckt der Zoll die Billig-Böller immer wieder in den Taschen der Einkaufstouristen.Wer beim Schmuggel erwischt wird, ist seinen Einkauf los, muß mit einer Ordnungsstrafe rechnen. Während das Geschäft der polnischen Feuerwerksverkäufer blüht, herrscht auf den einstigen Billigmärkten jenseit der Grenze ansonsten Flaute.Auf den Basaren von Slubice gegenüber von Frankfurt und von Kosztrzyn (Küstrin) sind nur noch wenige Waren billiger als in Deutschland: Zigaretten, Werkzeug, Glaswaren, Gänse und vielleicht noch Weihnachtsschmuck.Wer keinen Wert auf Qualität legt, kauft Raubkopien von Videofilmen oder Compact Discs. "Kein Geld bei den Deutschen.Alles trübe", sagt ein junger Mann hinter einem Verkaufsstand für Lederwaren in Slubice, auf dem mit fast 1000 Buden größten polnischem Grenzbasar.In seiner Nachbarschaft findet sich dutzendfach das gleiche Angebot.Überall langweilen sich die Verkäufer.Noch im Vorjahr schien so ein Bild vor Weihnachten unmöglich.Da drängelten sich selbst am späten Abend tausende deutsche Besucher durch die engen Gänge. Polnische Zeitungen schätzen den Umsatzrückgang auf Grenzmärkten in diesem Jahr gegenüber 1996 auf rund 20 Prozent.Die wochenlange Schließung der Basare während des Oderhochwassers hat zu großen Einbußen geführt.Offensichtlich ist der Bedarf an Billigwaren aus dem Nachbarland in Brandenburger Haushalten langsam gedeckt.In Polen beklagen nicht nur die Grenzstädte den Verlust an Umsatzsteuern und Standgebühren.Polens Außenhandelsdefizit verringerte sich bis vor kurzem pro Jahr um drei bis vier Milliarden Mark durch deutsche Schnäppchenjäger. Auf den Reiseverkehr wirkt sich der nachlassende Reiz der Basare jedoch nicht aus, zwei Stunden Wartezeit sind an der Grenze die Regel.Dabei liegt das Reiseziel häufig nur einen Steinwurf hinter dem Abfertigungsgebäude: die Tankstelle.Dort ist das Benzin um die Hälfte billiger als in Deutschland.Imbisse bieten preiswerte Speisen an, wenn auch aus Pommes frites auf der Tafel schnell einmal "Pom Fritz" werden. Bei den Dienstleistungen sind die polnischen Anbieter aufgrund der niedrigen Löhne noch immer unschlagbar.Friseure, Fotografen, Schuhmacher und vor allem Autowerkstätten verzeichnen einen regen Zulauf.Garagen mit "Service für alle Typen" stehen gleich hinter der Grenze.Die Ersatzteile holen sich die Monteure in deutschen Werkstätten.Selbst dabei gelingt ihnen noch ein Schnäppchen, denn sie lassen sich die Mehrwertsteuer an der Grenze erstatten und geben den Vorteil an die deutschen Kunden weiter.Qualitätsprobleme treten kaum noch auf.Anders als beim Verkauf von Feuerwerkskörpern versteht hier jeder die Gebrauchsanweisungen.

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