Der Tagesspiegel : Flexible Allzweckklassiker

Die Möbelmanufaktur Wittmann bringt erste Re-Editionen des Österreichers Friedrich Kiesler heraus

Nora Sobich

An Möbel denkt man bei „correalistischen Instrumenten“ nicht als Erstes. Schon eher an medizinische Messgeräte. Der Universalkünstler Friedrich Kiesler (1890-1965) hatte unter der etwas spröden Bezeichnung 1942 geschwungene Sitzgelegenheiten für Peggy Guggenheims legendäre Galerie „Art of this Century“ in New York entworfen. Unter „Design Correlation“ verstand Kiesler korrelierende Spannungsverhältnisse von Objekten in einem Raum. Heute würde man dazu schlicht Flexibilität sagen.

Kiesler, der in Wien Architektur studiert hatte, war 1925 nach New York übergesiedelt, wo er als Designer, Bühnenbildner, Architekt und Künstler arbeitete. Er war ein Avantgardist, der sich als Motor und Erneuerer gesellschaftlicher Prozesse begriff. In seinem umfangreichen Werk nimmt das Möbeldesign nur einen kleinen Teil ein. Seine Entwürfe sind sozusagen immer auch in „Correlation“ zu seinem übrigen Schaffen zu betrachten. Von den renommierten Möbelwerkstätten Wittmann werden in Zusammenarbeit mit der Kiesler Stiftung in Wien nun Kieslers innovative Möbelentwürfe als Re-Edition herausgegeben.

Die Wiederentdeckung von Kieslers Werk begann 2002 mit den „correalistischen“ Sitzgelegenheiten. Diese organische Möbelskulptur-Familie wirkt wie eine Kreuzung aus Space-Age- und Kindergartenmöbel. Damit sie mit ihrer Umwelt „correalieren“, erdachte Kiesler für diese Möbelinstrumente achtzehn unterschiedliche Verwendungsmöglichkeiten.

Der multifunktionalen Re-Edition hat Wittmann nun noch eine Bett-Couch (1935/36), einen Freischwinger (1933) und eine Party-Lounge (1935/1936) von Kiesler zur Seite gestellt.

Die Bett-Couch trägt die Stilsprache eines original amerikanischen Diners der 30er Jahre. Das Chrom-Leder-Möbel ist weniger filigran als sportlich cool. Ein aktuelles Möbelstück des Österreichers ist seine Party-Lounge. Die Rückenlehne des praktischen Funktionsmöbels lässt sich so verstellen, dass mehrere Personen unterschiedliche Sitzpositionen einnehmen können.

Kieslers Designentwürfen hat es ohne Frage gut getan, dass die Zeit ihren „correalistischen“ Überbau etwas abgeschliffen hat und der betont interdisziplinäre Ansatz Kieslers heute weniger auffällt. Die neu von Wittmann aufgelegten Möbel wirken auch nicht wie Re-Editionen der 30er und 40er Jahre, sondern als wären sie mit Gespür für die Flexibilitätsanforderungen des 21. Jahrhunderts ganz frisch und modern der Jetztzeit entsprungen.

Friedrich Kiesler. Designer-Sitzmöbel der 30er und 40er Jahre. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2005. 128 Seiten. 29,80 Euro.

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