Flugunfall bei Paulinenaue in Brandenburg : Ein Passagier zu viel an Bord

Wegen technischer Probleme musste ein Doppeldecker vom Typ Antonov AN2 notlanden - und überschlug sich. Neben den zwei Piloten waren zehn Fluggäste an Bord - und damit einer zu viel. Der Chef der Berliner Flugfirma aber bestreitet die offiziellen Angaben.

von und Rainer W. During
Kopfüber. Bei der Notlandung überschlug sich die Maschine.
Kopfüber. Bei der Notlandung überschlug sich die Maschine.Foto: picture alliance/ dpa

Der Doppeldecker vom Typ Antonov AN2, der sich am Samstag bei Paulinenaue (Havelland) nach einer Notlandung überschlagen hatte, war überbelegt: Sowohl die Polizei als auch die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU), die den Vorfall untersucht, berichten von insgesamt zwölf Insassen an Bord der Maschine. Zugelassen sind laut des sogenannten Kennblatts des Luftfahrtbundesamtes für die Antonov jedoch lediglich ein Pilot, ein Copilot und maximal neun Passagiere. Beim BFU wollte man sich am Montag zu einem möglichen Verstoß nicht äußern und verwies lediglich auf den Abschlussbericht der Behörde, der aber voraussichtlich erst in rund einem Jahr vorliegen werde. Die zuständige Obere Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg dagegen war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Notlandung wegen technischer Probleme

Die Maschine mit der Kennung D-FWJC gehört der Berliner Fluggesellschaft Air Tempelhof und war auf dem Flugplatz Eberswalde-Finow (Barnim) stationiert. Vom Flugplatz Bienenfarm bei Nauen aus war sie nach Angaben der dortigen Flugleitung mit einer Flugsportgruppe aus Brandenburg zu einem Ausflug nach Heringsdorf auf der Insel Usedom unterwegs. Kurz nach dem Abheben habe es ein technisches Problem gegeben, weshalb sich der 33-jährige Pilot entschloss, auf einem nahen Acker notzulanden. Die Antonov AN2 gilt als äußerst zuverlässiges Flugzeug und ist für Landungen auf unbefestigtem Gelände geeignet. Der Boden war jedoch aufgrund der vorangegangenen Starkregenfälle aufgeweicht. Als die am Acker vorbeiführende Straße immer näher rückte und die Piloten bremsen mussten, sanken die Räder des Fahrgestells im Morast ein, die Maschine stellte sich zunächst auf die Nase und überschlug sich dann. Fünf Insassen waren mit Prellungen und Schnittverletzungen zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus gebracht worden, die übrigen sieben blieben unversehrt. Die Polizei ermittelt gegen den Piloten wegen des Verdachts auf Gefährdung des Luftverkehrs.

Antonov ist für maximal neun Passagiere ausgelegt - einer zu viel an Bord?

Bereits Anfang Oktober will die BFU einen Zwischenbericht vorlegen. Darin würden aber nur Fakten gelistet, so BFU-Ermittler Johann Reuß. Eine Bewertung des Unfalls werde erst im Abschlussbericht vorgenommen. Allerdings sei das Thema Beladung und damit auch die Fragen, „wer saß wo und wie viele Sitze gab es“, Bestandteil der routinemäßigen Untersuchung. „Nach unserer Erkenntnis waren zwölf Insassen an Bord“, so Reuß.

Selbst auf der Internetseite von Air Tempelhof heißt es, die Antonov sei für maximal neun Passagiere ausgelegt. Der neunte Passagier könne aber nur mitgenommen werden, wenn auf einen zweiten Piloten verzichtet werde und der Reisende auf dem Sitz des Co-Piloten Platz nehme. Laut Polizei befand sich aber eine zwölfköpfige Reisegruppe an Bord, darunter auch der Pilot aus dem Elbe-Elster-Kreis. In Paulinenaue hieß es dagegen, die Maschine sei mit zwei Piloten und zehn Passagieren gestartet. Air Tempelhof-Chef Hennig Lueg sprach gegenüber den PNN von „neun Passagieren und der Besatzung“, wollte sich aber zu weiteren Nachfragen nicht äußern.

In die Schlagzeilen war Hennig Lueg bereits 2008 geraten. Damals war seine rote Antonov eine der letzten drei Maschinen, die vom kurz zuvor geschlossenen Flughafen Berlin-Tempelhof abhoben. Lueg startete seinen russischen Doppeldecker medienwirksam in Richtung Finow.

Wurden Kontrollen umgangen?

Dort hebt er seitdem regelmäßig auch zu Schauflügen ab, unter anderem während des jährlichen Motorradtreffens „Race 61“. Einige der Anwohner des dortigen Flughafens jedoch fühlen sich durch die Schauflüge der Antonov regelrecht bedroht. In einem Brief an Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD), dem die Luftfahrtbehörde untersteht, berichtete ein Betroffener vergangenen November sogar von regelrechten Scheinangriffen auf sein Haus. In Baumhöhe sei der Flieger auf das Anwesen zugeflogen, heißt es in dem Brief. Ebenfalls wurde von einem mittlerweile aus dem Netz genommenen You-Tube-Video berichtet, das angeblich ebenfalls zeigt, dass Passagiere an Bord der AN2 aus Platzmangel auf dem Schoß anderer Fluggäste sitzen mussten.
Ob die Luftfahrtbehörde daraufhin die Praktiken an Bord der Antonov überprüft hatte, blieb am Montag ungeklärt. In der Vergangenheit war wiederholt kritisiert worden, dass die Behörde vor Jahren den Flugleitern der Flugplätze die Funktion der Luftaufsicht entzogen hatte und regelmäßige Kontrollen von Piloten und Flugzeugen deshalb kaum noch stattfinden.

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