Flussausbau : Havel und Spree bleiben im alten Bett

Umweltschützer und Anwohner atmen auf: Kurz vor der Wahl verzichtet die Bundesregierung weitgehend auf den Ausbau.

 Claus-Dieter Steyer

Potsdam – Nach dem erzwungenen Verzicht der Bundeswehr auf das Bombodrom bei Wittstock haben Bürgerinitiativen und örtliche Behörden nun ein weiteres großes Projekt in Brandenburg zu Fall gebracht: den Ausbau der Havel und der Spree mit ihren Kanälen und Seen zur Wasserautobahn für eine ungehinderte Fahrt von Frachtschiffen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat die Planer jetzt angewiesen, Eingriffe in Natur und Landschaft weitgehend zu vermeiden. Das betreffe vor allem die Uferbereiche. „Nach meiner Überzeugung muss die Havel zum überwiegenden Teil nicht ausgebaut werden“, erklärte Tiefensee. Selbst das Argument, wonach derzeit auf den Flüssen die 185 Meter langen Schubverbände nicht aneinander vorbeifahren können, zählt plötzlich für den Minister nicht mehr. „Begegnungseinschränkungen in der Havel können in Kauf genommen werden“, sagte er. Damit ist auch die besonders umstrittene Verbreiterung des Sacrow-Paretzer-Kanals bei Potsdam vom Tisch.

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„17 Jahre haben wir gekämpft“, sagte Winfried Lücking, Leiter des Flussbüros beim Bund für Natur und Umwelt (BUND), der die Kampagne „Stopp Havelausbau“ wesentlich organisiert hatte. Rund 22 000 Menschen unterstützten mit ihren Unterschriften den außerdem vom Havelbündnis, der Grünen Liga, dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Deutschen Umwelthilfe getragenen Protest. „Die Pläne für breite und tiefe Wasserwege stammten noch aus der Zeit nach der Wiedervereinigung, als von blühenden Landschaften die Rede war“, sagte Lücking. „Inzwischen gibt es nach dem Niedergang der Industrie in Berlin keinen Bedarf mehr an großen Massengütern.“ Entsprechend gering sei Verkehr auf dem Wasser.

Nach Zählungen des BUND schöpfen derzeit nur zehn bis 15 Prozent aller Güterschiffe die maximale Beladung von 1500 Tonnen aus. Für die großen Rheinschubverbände, die 3500 Tonnen Ladung aufnehmen können, bestehe kein Bedarf. Selbst die meisten Container erreichten Berlin auf dem Schienenweg oder per Lkw, heißt es. „Bei aller Freude haben wir die Sektflaschen aber nur kalt gestellt und noch nicht geöffnet“, sagte der Berliner BUND-Geschäftsführer Tilmann Heuser. „Denn die Vertiefung der Wasserrinne ist leider noch nicht vom Tisch.“ Dagegen werde weiter gekämpft.

Tatsächlich brauchen die großen Schubverbände mindestens vier Meter tiefe Wasserstraßen. Die Spandauer Havel aber ist aber nur 3,20 Meter tief. Der Verkehrsminister hat sich bislang noch nicht auf einen Verzicht festgelegt. Er hat lediglich die Bundesanstalt für Wasserbau mit der Untersuchung beauftragt, ob Schiffe statt mit vier nur mit 2,80 Metern Tiefgang verkehren können.

Ursprünglich sollten allein für die Erweiterung des 13 Kilometer langen Sacrow-Paretzer-Kanals zwischen 800 und 900 Bäume gefällt werden. Außerdem befürchtete die Stadt Potsdam ein Absinken des Grundwasserspiegels und damit eine Gefahr für die Standfestigkeit der berühmten Sacrower Heilandskirche.

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