Förderung der Bundesregierung : Geld und Kritik für das Lepsius-Haus

Nun ist es amtlich: Unbeeindruckt von türkischen Protesten unterstützt die Bundesregierung das Lepsius-Haus in Potsdam zu Ehren Johannes Lepsius', der den Mord an über einer Million Armeniern im Ersten Weltkrieg dokumentierte. Kritik kommt jedoch nicht nur von türkischer Seite.

Annegret Ahrenberg
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Streitpunkt: In diesem Haus wohnte Johannes Lepsius zwischen 1908 und 1925. Nun soll es eine Gedenkstätte für den Pfarrer werden....Foto: Hermann Goltz

Eine beschauliche Villa am Fuße des Pfingstberges in Potsdam. Ein kleiner Park umrahmt das schöne Gebäude – keine Umzäunung. Und dennoch hat dieses Haus einen Kampf vom Zaun gebrochen. Der Grund: Hier will die Bundesregierung eine Gedenkstätte für Johannes Lepsius (1858-1926) entstehen lassen, der sein Leben den verfolgten Armeniern in der Türkei während des Ersten Weltkrieges gewidmet hat.

Es geht also um ein Thema, das nichts Geringeres als die Armenien-Frage aufwirbelt, die schon seit fast 100 Jahren unbeantwortet in der Welt steht: Waren die Massaker an den Armeniern Völkermord? Und es gesellt sich ein weiterer Streitpunkt hinzu, den man die Lepsius-Frage nennen könnte und der in Deutschland nicht minder polarisiert: War der Deutsche Lepsius ein selbstloser Humanist oder ein rechter Antidemokrat? Ihre Überschneidung finden beide Fragen hier im Lepsius-Haus. Mit dem Ergebnis: Die Idylle trügt. Es ist streitbar.

Half Lepsius den Armeniern aus Eigennutz?

Als heftigster Gegner profilierte sich die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) – was sie Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Wochen sogar persönlich wissen ließ. In einem Brief riet die Gemeinde, von der finanziellen Unterstützung des Lepsius-Hauses abzusehen. Die Bundesregierung solle „keine einseitigen Projekte wie das Lepsius-Haus fördern“, verteidigt Bahattin Kaya, Stellvertretender Bundesvorsitzende der TGD, vor Tagesspiegel.de erneut die Aktion und erklärt die Entrüstung: „Nach der Beantwortung der Kleinen Anfrage im Bundestag sind wir davon ausgegangen, dass das Lepsius-Haus nicht mit Steuergeldern gefördert wird.“

Die Kleine Anfrage, von der Kaya spricht, kam von der Linken im Juli vergangenen Jahres. Der Hintergrund: 2005 beschloss der Bundestag in der Armenienresolution nicht nur, die Ereignisse in der Türkei aufzuarbeiten, sondern in diesem Zusammenhang vor allem an den Deutschen Johannes Lepsius zu erinnern. Die Linke gibt zu bedenken: „Wie der Journalist und Autor Wolfgang Gust nachgewiesen hat, war Lepsius keineswegs nur der uneigennützige Anwalt der Armenier, sondern zugleich ein extrem rechtsgerichteter Antidemokrat, der eine deutsche Expansion und den Erwerb von Kolonialgebieten im Osmanischen Reich befürwortete und dafür die Armenier nutzen wollte. Die Deportationen der Armenier an sich bezeichnete er als ‚unbedenklich’.“

„Dieses Zitat stimmt.“ bekräftigt Wolfgang Gust. „So brutal rechts gerichtet und extrem antidemokratisch habe ich ihn nicht genannt, aber die Fakten sind richtig.“ Der ehemalige Spiegel-Redakteur, der heute im Ruhestand ist, beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Völkermord an den Armeniern. Den kritischen Blick auf Lepsius gewann er im Archiv. Seine Entdeckung: Zwischen den Originalen und den veröffentlichten Dokumenten von Lepsius gibt es Abweichungen mit Methode. Sein Fazit: „Was er verschwiegen hat, ist die Mitverantwortung Deutschlands im Völkermord.“

„Für Lepsius ging Deutschland über alles“

Eine These, die für Gust auch nicht an Halt verliert durch die Tatsache, dass schwer nachvollziehbar bleibt, ob Lepsius selbst instrumentalisierte oder vom Auswärtigen Amt instrumentalisiert worden ist. Der Historiker Hans-Lukas Kieser argumentiert in seinem Aufsatz ebenso: „Auch wenn diese Auslassungen nicht von Lepsius, sondern bereits vom Auswärtigen Amt vorgenommen wurden, entsprachen sie seiner Einstellung.“ Als ein Beispiel bringt er einen Brief, in dem Lepsius 1923 die „Mitschuld der Deutschen Regierung an den Deportationen und Massakres“ der Armenier als Lüge ächtet. Wolfgang Gust erklärt: „Für Lepsius ging Deutschland einfach über alles.“

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Wer war er? Johannes Lepsius etwa im Jahr 1895. -Bild: Johannes-Lepsius-Archiv, Hermann Goltz


Wie schwer wiegt eine fragwürdige Moral auf dem Lebenswerk Lepsius’? Ohne Zweifel hat er tausenden Armeniern das Leben gerettet und Großes für diese christliche Minderheit getan. „Nicht nur, indem er den Völkermord publik gemacht hat, er hat zudem ein bedeutendes Hilfswerk aufgebaut“, betont auch Gust. Was er nur problematisch findet, ist, dass bei Lepsius die Bekennung zur Wahrheit im Völkermord an der deutschen Grenze endet, die Kritik an den Tätern bei der deutschen Staatsbürgerschaft. Der viel gelobte Gerechtigkeitssinn des Missionars verliert so an Konsequenz. Für Gust lautet daher das Fazit: „Lepsius kann kein Vorbild sein.“

Der Bundestag gibt Manipulationen zu

Der Deutsche Bundestag zieht auch seinen Schluss. In der Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken bekennt er, dass „die von Johannes Lepsius 1919 herausgegebene Aktenpublikation ‚Deutschland und Armenien 1914-1918’ als manipuliert gilt“ und reagiert, indem das Geld auch dafür eingesetzt werden soll, dass sich das Lepsius-Haus „mit Johannes Lepsius kritisch befasst“.

Genau das Gegenteil wird jedoch dem Lepsius-Haus noch immer vorgeworfen: mit Johannes Lepsius unkritisch umzugehen. Der Theologie-Professor Hermann Goltz aus dem Vorstand des Hauses nennt seine Einrichtung eine „Gedenkstätte für einen der Urväter der Menschenrechte“. „Das stört mich furchtbar. Das war er nicht. Was in diesem Haus passiert, ist eine Huldigung an Lepsius“, meint Gust. Goltz entgegnet: „Die Leute, die uns vorwerfen, dass wir uns unkritisch mit der Person beschäftigen, kennen Lepsius nur bruchstückhaft.“ Sein Ziel daher: „das gesamte Leben und Werk darzustellen“, mit der Ergänzung: „Grundlagen der hohen armenischen Kultur, der Sprache, Literatur und Religion zu vermitteln.“

Wolfgang Gust ist das zu wenig: „Wogegen ich mich wehre, ist, dass die Gelder des Bundestages, die ausgegeben werden, um den Völkermord zu erforschen, an das Lepsius-Haus gehen. Dort wird doch überhaupt keine Forschung des Völkermordes betrieben.“

  Die Armenien-Frage

„Einseitig“ findet auch die Türkische Gemeinde die Arbeit des Lepsius-Hauses, aber aus anderem Grund: „Die Ereignisse werden bereits ohne ernsthafte Beweise als Völkermord gesehen“ – Grund für Bahattin Kaya, zu befürchten, dass das Haus „nicht zum Dialog, sondern eher zur Spaltung führen wird“. Wolfgang Gust kann darüber nur lachen: „Mit dem Lepsius-Haus hätte die Türkische Gemeinde, wenn sie richtig diskutieren könnte, sogar Argumente. Aber genau diese kommen dann nicht.“

Denn: Für die TGD ist weniger die Lepsius-, sondern vor allem die bis heute ungeklärte Armenien-Frage entscheidend: Was passierte zwischen 1915 bis 1917 in der Türkei, als - je nach Quelle - zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier starben? In der Version der Armenier heißt es, dass sie unschuldig einem unprovozierten Völkermord zum Opfer fielen. In der türkischen Geschichtsschreibung waren die Massendeportationen ein Akt der Notwehr gegen auftständische Armenier (nachzulesen auf der Website des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums). Die Mehrheit der westlichen Forscher entschied sich mittlerweile in Richtung armenische Version.

  Welche Rolle spielt die Türkische Botschaft beim Brief an Merkel?

Die türkische Regierung beharrt dennoch auf ihrer Variante der Geschichte. Und so wird für sie auch das kleine Lepsius-Haus ganz groß. Im Interview mit Tagesspiegel.de äußerte Hermann Goltz vom Vorstand des Lepsius-Hauses seine Vermutung, dass die Türkische Botschaft hinter dem Brief an Angela Merkel steht. Er erklärt: „Da werden bestimmte Stichworte ausgegeben und dann schreiben die türkischen Vereinigungen oder deren Chefs mit mehr oder weniger Fantasie solche Briefe.“

Die Türkische Botschaft bezog erst nach wiederholten Anfragen dazu Stellung. Am Telefon verweigerte ein Mitarbeiter eine offizielle Aussage, nannte den Vorwurf aber eine „komische Vermutung“. Auf den daraus abgeleiteten Schluss, dass die Botschaft nichts damit zu tun habe, sagte er dann: „Das sage ich nicht“. Schließlich erklärte der Gesandte der Türkischen Botschaft, Vakur Erkul, schriftlich, der Vorwurf „entbehrt jeder Grundlage.“ Auch die Botschaft stehe der Einrichtung aber kritisch gegenüber und vertrete die Meinung, „dass die Äußerungen des Leiters dieser Einrichtung nicht der Wahrheit entsprechen“.

  Wie repräsentativ ist der Brief?

Die Türkische Gemeinde sieht die türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland hinter sich. „Unsere Meinung wird von der überwältigenden Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln getragen“, sagt Kaya mit Blick auf den Brief an Merkel.

„Hat der eine Umfrage gemacht oder was?“ entrüstet sich Taner Akçam. Der Türke hat den einzigen Lehrstuhl für den armenischen Völkermord in den USA. Als wir ihn über die aktuelle Debatte in Deutschland informieren, warnt er ausdrücklich davor, die TGD-Vorsitzenden Kenan Kolat und Bahattin Kaya, als Repräsentanten der Türken zu portraitieren. „Das ärgert mich wirklich“, sagt er und erklärt weiter: „Diese Typen repräsentieren eine Gruppe extremer Nationalisten. Ihre Stimmen sind nur so laut, weil die türkische Regierung hinter ihnen steht.“

Taner Akçam spricht aus Erfahrung – mit dem Gegenteil. Nachdem sein Buch „A shameful act“ auf dem Markt war, sind ihn türkische Massenmedien hart angegangen. Er erhielt Todesdrohungen, auf Wikipedia verbreiteten Unbekannte die Behauptung, er sei ein Terrorist.

Der Blitz hat eingeschlagen

„Warum haben wir Türken das Gefühl, dass der Blitz in uns einschlägt, wann immer dieses Thema angesprochen wird?“ ist die Frage, mit der sich Akçam beschäftigt. Und er weiß Antworten, die auch um Verständnis seiner Landsleute werben. „Es ist für jede Nation ein Problem, mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert zu werden“ sagt er. Die Türkei aber prägten Eigenheiten, die es für sie in hohem Maß schwierig machten. Den Hauptgrund sieht er darin, wie „sich das türkische Volk selbst versteht“. Das Nationalgefühl der Türken sei aufgrund der türkischen Geschichte und weil es sich erst spät entwickelte, eigen und ausgeprägt. „Ein anderer wichtiger Grund: Die türkische Republik wurde von der gleichen Partei begründet, die den Völkermord organisierte. Wie sollten sie erklären, dass manche unserer Gründungsväter Mörder waren? Das ist nicht einfach für einen Nationalstaat.“

Von Johannes Lepsius hält Akçam ähnlich viel wie Wolfgang Gust: „Wir sollten aus ihm keinen Helden machen. Er machte eine unglaubliche Arbeit, aber einen kritischen Blick auf ihn dürfen wir nie verlieren.“

Nach langem Hin und Her gibt die Bundesregierung den Förderbescheid

Was wäre also eine Alternative zum Lepsius-Haus? Die TGD wünscht sich, dass die Ereignisse „von einem unabhängigen internationalen Gremium mit Beteiligung von türkischen und armenischen Historikern untersucht und ausgelegt werden sollten.“ Sie habe dafür bereits 2001 Armenien und die Türkei aufgefordert, die Archive der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aufgrund der „ablehnenden Haltung von Armenien“ käme dies nicht zustande.

Doch nun wurden ohnehin erste einmal Fakten geschaffen. Nach dem langen Hin und Her ist gestern der Bewilligungsbescheid der Bundesregierung beim Lepsius-Haus-Verein eingetroffen. „Es hat lange gedauert und kam jetzt ziemlich plötzlich“, freut sich Hermann Goltz. 280.000 Euro gehen an den Innenausbau des Hauses, jeweils 100.000 Euro bis 2011 jährlich stehen der Programmarbeit zur Verfügung. Der Ausbau soll noch in diesem Jahr beginnen.

Der Streit wird dennoch nicht so schnell ein Ende finden: Es bleiben Aussagen neben Aussagen - und die Lepsius- als auch Armenienfrage ungeklärt stehen. „Es wird eine Versöhnung zwischen den Türken und den Armeniern geben“, ist sich Taner Akçam jedoch sicher. „Entscheidend ist der Druck der EU und eine anhaltende Diskussion.“ Und er überrascht mit einer genauen Zahl: 2015 soll es so weit sein.

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