Formel 1 : Drama in Sao Paulo - Räikkönen wird Weltmeister

Schumacher-Nachfolger Kimi Räikkönen hat beim Herzschlagfinale von Sao Paulo als lachender Dritter sensationell seinen ersten WM-Titel geholt. Der Ferrari-Fahrer aus Finnland profitierte dabei von technischen Problemen des bis dato führenden Briten Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes.

Jens Marx[dpa]
Räikkönen Foto: dpa
Räikkönen triumphiert. -Foto: dpa

Sao PauloRäikkönen gewann den Großen Preis von Brasilien vor seinem Teamkollegen Felipe Massa, der großzügig Schützenhilfe leistete und den Doppelerfolg der roten Scuderia perfekt machte. Der entthronte Titelverteidiger Fernando Alonso konnte sich über seinen dritten Platz nicht freuen. Pechvogel Hamilton wurde Siebter. "Ich freue mich und schwebe heute und wahrscheinlich einen ganzen Monat lang auf Wolke sieben", sagte der wie üblich kaum Emotionen zeigende "Iceman". Beide Fäuste mehrfach in den strahlend blauen Himmel gestreckt, stand er auf seinem roten Renner und grinste breit.

Nach Räikkönens Sieg vor Massa und dem WM-Triumph stieg im Autodromo Jose Carlos Pace spontan eine Riesenparty: Mit Sambatrommeln und lautem Gehupe feierten die Ferrari-verrückten Südamerikaner und die rote Scuderia diesen kaum noch für möglich gehaltenen Erfolg. Fünf Tage nach seinem 28. Geburtstag prasselte auf den "Iceman" auf dem Siegespodest ein Konfettiregen und die übliche Champagnerdusche nieder.

Der entthronte Titelverteidiger Fernando Alonso konnte sich über seinen dritten Rang ebenso wenig freuen wie der siebtplatzierte Pechvogel Hamilton. Quasi auf der Zielgeraden hatte der vor dem Saisonfinale schon scheinbar chancenlos sieben bzw. drei Punkte zurückgelegene Raikkönen das McLaren-Mercedes-Duo noch abgefangen. Nach 17 Grand-Prix hatte der Finne bei der knappsten Titelentscheidung der 58-jährigen Grand-Prix-Geschichte mit 110 Punkten nur einen Zähler Vorsprung vor den beiden punktgleichen, aber hauchdünn geschlagenen Hamilton und Alonso (je 109). "Ich möchte Kimi gratulieren. Er hat eine tolle Saison hingelegt", gratulierte der entthronte spanische Doppel-Weltmeister seinem Nachfolger. "Es war früh klar, dass Ferrari hier einen Doppelerfolg herausfahren kann."

"Wir waren nicht in der besten Ausgangslage, haben aber immer daran geglaubt, dass wir zurückkommen können", stellte Räikkönen klar, dass Ferrari trotz der schwierigen Ausgangslage nie ans Aufgeben gedacht hatte. "Ich war zuvor drei Mal knapp dran, den WM- Titel zu holen. Schön, dass es jetzt geklappt hat, obwohl es so schien, als ob die Felle schon früh davongeschwommen wären." Den Titel in der Konstrukteurs-Wertung hatte Ferrari nach dem Urteil im Spionageskandal schon zuvor in der Tasche. BMW-Sauber belegte hier den zweiten Platz.

Hitzeschlacht in Sao Paulo

Die Hitzeschlacht bei 37 Grad auf dem 4,309 Kilometer langen Berg- und-Tal-Kurs war an Dramatik kaum zu überbieten. Der bislang so souverän auftrumpfende Hamilton zeigte angesichts des gewaltigen Drucks Nerven und verspielte den greifbar nahen Titeltriumph praktisch schon in der ersten Runde. Unmittelbar nach dem Start musste er Räikkönen und kurz darauf auch Alonso passieren lassen. Mit einem ungestümen Manöver in der vierten Kurve versuchte der Formel-1- Frischling seinen Fehler früh wettzumachen, geriet dabei aber in die Auslaufzone und fiel vorübergehend auf den achten Rang zurück.

Mühsam kämpfte sich Hamilton etwas nach vorne, ehe er in der achten Runde faktisch den WM-K.o. kassierte: Urplötzlich verlangsamte sein Silberpfeil, blieb beinahe stehen und lief dann nach einigem "Stottern" und wildem Knöpfedrehen des verzweifelten Briten doch weiter. Allerdings rutschte der 22-Jährige vorerst hoffnungslos abgeschlagen auf den 18. Platz ab. In einer fulminanten Aufholjagd kämpfte sich der Engländer noch auf den siebten Platz vor, verpasste aber damit den scheinbar sicheren WM-Triumph. Sein Vater Anthony nahm die bittere Niederlage relativ gelassen: "Wenn mir einer vor einem Jahr gesagt hätte, wir würden bis zum Schluss um die WM mitfahren, hätte ich ihm gesagt: Du träumst. Lewis wird auch im nächsten Jahr um den Sieg mitfahren."

Räikkönen gewann nach fehlerfreien 71 Runden in 1:28:15,270 Stunden mit 1,493 Sekunden Vorsprung vor Vorjahressieger Massa. "Ich freue mich fürs Team und Kimi", sagte der Brasilianer. "Ich habe gern geholfen." Alonso belegte im Silberpfeil mit bereits 57,019 Sekunden Rückstand den dritten Platz.

Zittern bis zum Schluss

Es war der sechste Saisonsieg des meist kühlen "Iceman" und der insgesamt 15. Erfolg seiner Karriere. Damit erwies sich Räikkönen bei Ferrari als würdiger Nachfolger des siebenmaligen Champions Michael Schumacher, der in Sao Paulo vor einem Jahr sein letztes Rennen bestritten hatte. "Ich war mir lange nicht sicher. Lewis hätte noch weiter nach vorne kommen können und ich habe gewartet, bis wirklich alles vorbei war", räumte der sonst stets coole Nordländer ein, dass er bis zum Schluss gezittert hatte.

Der 28 Jahre Überraschungs-Weltmeister musste bis zur 53. Runde warten, ehe er nach dem zweiten Boxenstopp endlich an die Spitze kam. Massa, der mit einem kleinen, wahrscheinlich absichtlichen Fahrfehler und durch einen gemächlichen Reifenwechsel den Führungswechsel ermöglicht hatte, verzichtete natürlich auf jegliche Angriffe. Damit war für Räikkönen der Weg zum Titel frei. " Vor ihm hatten in Keke Rosberg (1982) und Mika Häkkinen (1998 und 1999) schon zwei Finnen die WM-Krone geholt.

Räikkönens Husarenstreich ist umso höher zu bewerten, da er Mitte Juli mit 26 Punkten Rückstand auf Hamilton im Titelrennen bereits hoffnungslos abgeschlagen schien. Aber wie beim davor letzten dramatischen Dreikampf vor 21 Jahren hatte er am Schluss die Nase vorn. 1986 war Alain Prost lachender Dritter gegenüber dem Williams- Duo Nigel Mansell und Nelson Piquet gewesen.

Das deutsche Quintett hatte im Jahr eins nach Superstar Michael Schumacher nichts mit dem WM-Ausgang und auch mit dem Kampf um die Podestplätze in Sao Paulo zu tun. Nico Rosberg (Wiesbaden) kam im Williams-Toyota nach 305,909 Kilometern als bester Deutscher auf Platz vier. BMW-Sauber-Pilot Nick Heidfeld (Mönchengladbach), der die WM als guter Gesamtfünfter abschloss, belegte den sechsten Rang. Ralf Schumacher (Kerpen) wurde in seinem letzten Grand Prix für Toyota Elfter. Sebastian Vettel (Heppenheim) musste seinen Toro Rosso in der 36. Runde wegen eines technischen Defektes abstellen. Für Spyker- Pilot Adrian Sutil (Gräfelfing) war der 17. Saisonlauf in der 44. Runde zu Ende. (mit dpa)