Formel 1 : Kurze Vorfahrt für einen Außenseiter

"Ich konnte es kaum glauben. Plötzlich zeigt mir das Team Platz eins an": Bei seinem Formel-1-Debüt überrascht Markus Winkelhock die Konkurrenz.

Christian Hönicke
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Markus Winkelhock vom Spyker Team. -Foto: dpa

Nürburgring - Markus Winkelhock wird dieses windige Spätjuliwochenende in der Eifel nie vergessen. „Ich konnte es kaum glauben. Plötzlich zeigt mir das Team Platz eins an“, sagt der 27-Jährige noch immer etwas entrückt. „Das kann mir keiner mehr nehmen.“ Bei seinem voraussichtlich einzigen Grand Prix hat der Deutsche es geschafft, Hauptdarsteller einer der unglaublichsten Formel-1-Geschichten zu werden. Der Pilot des Spyker-Teams, der noch im Abschlusstraining mit riesigem Abstand hinterher gefahren war, führte plötzlich mit mehr als 30 Sekunden Vorsprung.

Zu verdanken hatte er dies wohl Boris Bermes. Der Manager des Teams, in dem Winkelhock sonst Rennen im Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM) fährt, rief kurz vor dem Start an. Seine Worte: „Hier in Bitburg regnet es schon.“ Die Spyker-Ingenieure wechselten nach der Expertise aus dem wenige Kilometer entfernten Ort die Reifen an Winkelhocks Auto, während alle anderen Teams ihren Wettercomputern trauten. Mit den richtigen Reifen für den einsetzenden Regen ließ er die Stars wie in einem Videospiel mit Turboboost stehen. „Die flogen nur so links und rechts vorbei“, erzählt der Sohn des 1985 verstorbenen Rennfahrers Manfred Winkelhock. „Ich habe so viele überholt, ich weiß gar nicht mehr wen.“ Lewis Hamilton war auf jeden Fall dabei – den WM-Führenden überrundete er sogar. Eine weitere Erfahrung, die mancher Rennfahrer sein ganzes Leben lang nicht macht: „Wenn man nicht hinter jemandem herfahren muss, ist die Sicht im Regen ganz gut.“ Schon vor der ersten Kurve nach dem Neustart war der unterlegene Spyker seine gute Sicht aber wieder los. Winkelhock versuchte erst gar nicht, sie zu verteidigen. „Ich wollte kein Risiko eingehen. Wenn ich da jemanden rausschieße, der um die WM fährt, wäre ich in einer Sekunde zum Buhmann geworden. Das war es nicht wert.“

Auch wenn er schließlich wegen eines Defekts ganz stehen blieb, der Ersatzpilot für den entlassenen Niederländer Christijan Albers will nun mit Teamchef Colin Kolles über ein weiteres Engagement reden, doch „ich weiß, dass ich ohne Geld von Sponsoren hier nicht weiterfahren kann“. Er wolle sich jetzt darauf einstellen, dass er bald wieder in der DTM fahren werde: „Ich muss die Formel 1 ein bisschen vergessen.“ Ihn vergessen wird die Formel 1 mit Sicherheit nicht. Denn in den Rekordbüchern wird unter dem Stichwort Markus Winkelhock nun folgendes zu finden sein: Sechs Führungsrunden. Christian Hönicke