Formentera : Am Radweg wartet die Eidechse

Formentera war eine beliebte Insel für Aussteiger. Nun trifft sich hier die Schickeria – und kauft Keramik auf dem Hippiemarkt

Sandra Cantzler

Alte Kirchen, bedeutende Museen, große Architektur: Wer das auf Formentera sucht, ist an der falschen Adresse. Die kurze Liste der Sehenswürdigkeiten lässt sich an einem Tag abarbeiten. Und trotzdem gibt es nicht wenige Urlauber, die es immer wieder auf die kleine Baleareninsel zieht. Vielleicht, weil es trotz mangelnder Attraktionen viel zu entdecken gibt. Vielleicht aber auch, weil man sich ohne Kulturprogramm auf der einstigen Insel der Blumenkinder auch heute noch einfach durch den Tag treiben lassen kann.

Mag es inzwischen im Hochsommer auf Formentera so turbulent hergehen wie überall am Mittelmeer – in der Nebensaison im Frühjahr und im Herbst ist die kleine Schwester Ibizas noch immer ein bisschen so, wie es sich die seit den 1970er Jahren kommenden Stammurlauber erhoffen: Es sind so wenige Gäste auf der Insel, dass man immer wieder den selben Gesichtern begegnet. Statt Benzingeruch ist selbst auf der Hauptstraße noch der besondere Formentera-Duft aus Kiefern, Rosmarin und Meer zu riechen. Und an den Stränden hat jeder viel, viel Platz für sich.

Doch die modernen Zeiten sind auch auf Formentera längst angebrochen, zum Verdruss manch angestammten Inselfans. Früher führten nur Sandwege über das Eiland, auf denen Fahrradfahrer unterwegs waren. Heute knattern auf den zwei großen Straßen massenhaft Roller und Mietautos. Die antiken Salinenfelder, an deren Rändern früher schneeweiße Salzberge in der Sonne glitzerten, wurden zuletzt Mitte der 1980er Jahre abgeerntet. Die Inselhauptstadt San Francesc Xavier streckt sich wie ein Krake mit immer mehr Neubauten ins karge Umland.

Dass Formentera aber zumindest von den ganz groben Auswüchsen des Massentourismus verschont geblieben ist, liegt auch an der etwas umständlichen Anreise. Dabei ist Seefestigkeit gefragt. Denn gerade mal 18 Kilometer lang und stellenweise nicht einmal zwei Kilometer breit, ist die Insel schlicht zu klein für einen Flughafen, auf dem größere Maschinen landen könnten. Alle Wege führen deshalb per Schiff – meist von Ibiza aus – in den Hafen von La Sabina.

Nur eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt, und meistens geht auch alles glatt. Doch manchmal zeigt sich, weshalb die „Freo“ genannte Passage so gefürchtet ist: Meterhohe Wellen lassen auch große Schiffe ununterbrochen auf- und abtanzen und viele Passagiere mit grünlich erscheinendem Gesicht von Bord gehen. Für eingefleischte Formentera-Fans gehört der Ritt über die Wellen aber genauso schon zum Urlaub wie die Fortbewegung per Fahrrad – der stetig wachsenden Roller- und Mietauto-Flotte zum Trotz. Dieses Wachstum muss einen überhaupt wundern: Sind die Straßen auf der Insel doch so schlecht, dass man schon besonders veranlagt sein muss, sich diese Art der Fortbewegung anzutun.

Nur mit dem Rad lässt sich das unüberschaubare Netz aus unbefestigten Seitenwegen wirklich erkunden – denn nur mit dem Rad kann man immer wieder spontan irgendwo anhalten, weil man einfach auch mehr sieht. Absteigen, etwa um eine Gruppe Zicklein unter einem kunstvoll abgestützten Feigenbaum zu beobachten. Um große Zweige Rosmarin und Oregano für das Abendessen zu pflücken. Um im Garten einer alten Finca kurz einer alten Frau in traditioneller Tracht bei der Gartenarbeit zuzusehen. Um für eine der kleinen Formentera-Eidechsen zu bremsen, die immer wieder über den Weg flitzen. Oder um auf dem Weg zum Strand einfach die grandiose Dünenlandschaft zu überblicken.

Die Strände sind es, die es den meisten Urlaubern angetan haben. Weiß und weich ist der Sand, türkisfarben das Wasser. Wie in der Karibik. Illetas und Levante im Norden, der kilometerlange Migjorn im Süden oder der felsige Es-Carnatge-Strand: An welchen der Strände es geht, bestimmen für den Radler nicht nur die Windverhältnisse. Die meisten Urlauber legen sich irgendwann auf einen Favoriten fest.

Die „In-Strände“ sind Illetas und – gleich um die Inselspitze herum – Tanga. Ersterer ist nach den vorgelagerten kleinen Inseln benannt, zweiter nach der gleichnamigen Edel-Strandbar. Vor beiden Abschnitten ist vor allem an den Wochenenden die Yacht-Dichte hoch.

Der Auftrieb der zumindest scheinbar reichen und vermeintlich schönen Menschen ist meist weniger prickelnd für alle „Normalos“. Doch an den entsprechenden Tagen ist zum Beispiel der familiärere Migjorn-Strand eine entspannte Alternative. Wie auch das Inselmuseum in San Francesc oder ein Ausflug auf die zwei Anhöhen der Insel mit den eindrucksvollen Leuchttürmen.

Ganz im Süden fällt am Cap de Barbaria die Küste steil und felsig ins Meer hinab, während sich im Osten die Straße mühsam die knapp 200 Höhenmeter zur noch immer ländlich geprägten Mola- Hochebene hinauf windet.

Drei „Attraktionen“ gibt es hier oben: Das windumtoste „Ende“ der Insel mit dem mehr als 100 Jahre alten Leuchtturm und dem Denkmal für den Schriftsteller Jules Vernes, der hier auch einen Teil einer seiner Geschichten spielen ließ. Nummer zwei ist die alte und vor kurzem restaurierte Windmühle.

Nostalgiker werden sich den sogenannten Hippiemarkt im Dörfchen El Pilar de la Mola nicht entgehen lassen wollen. Er ist ein Überbleibsel der 70er Jahre und nimmt die Besucher regelmäßig zweimal in der Woche mit auf eine Zeitreise: Zwischen zottelbärtigen Malern und batikbehosten Keramikerinnen kommt dann eine Ahnung auf, wie es damals so gewesen sein mag, als statt Pauschaltouristen nur die Blumenkinder nach Formentera kamen.

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