Forschung : Frau Mustermann im Minikino

In der Berliner Bundesdruckerei entwickeln Forscher das vollbewegliche Passbild. Wie in einem Minikino soll sich das Antlitz künftig von allen Seiten zeigen. An der Freien Universität kann es schon bald eine Stiftungsprofessur zum Thema "Sichere Identität" geben.

Torsten Hilscher[ddp]
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In der Bundesdruckerei in Berlin forscht man an Weltneuheiten. -Foto: dpa

BerlinDer Betrachter traut seinen Augen nicht: Kaum hält Manfred Paeschke die dünne Identitätskarte vor eine Antenne, leuchtet das gewohnt starre Passbild auf und dreht sich. In einem kleinen Video ist Erika Mustermann von allen Seiten zu sehen.

Paeschke ist so etwas ähnliches wie die deutsche Version des James-Bond-Cheferfinders "Q". Nicht nur der Showroom des Forschungsleiters in der Berliner Bundesdruckerei scheint einem Film der berühmten Agentenreihe entlehnt, auch Paeschke - ein promovierter Physiker - erweckt scheinbar unmögliche Erfindungen zum Leben.

Die Bundesdruckerei erstreckt sich über ein ganzes Karree im Norden Kreuzbergs, auf der einen Seite das Axel-Springer-Hochhaus, am anderen Ende reicht es bis an den ehemaligen Mauerstreifen. In dem Komplex wurden bereits die Geldscheine für Kaiser Wilhelm gedruckt. Später war es die D-Mark, nun entstehen dort Euro sowie Pässe. Parallel wird an Weltneuheiten geforscht.

Paeschke steht zwölf Kollegen vor und betreut zum Thema Sichere Identität (SI) mehrere Kooperationen. Gleich fünf Fraunhofer-Institute samt der Freien Universität (FU) betreiben mit der Bundesdruckerei Grundlagenforschung.

FU-Stiftungsprofessur zum Thema "Sichere Identität"

An der FU soll es bald eine Stiftungsprofessur geben, die für die Partner zu SI forscht. Eine Druckerei-Sprecherin sagt: "Mit dem Lehrstuhl ziehen wir uns den eigenen Nachwuchs heran." Immerhin habe Deutschland beim Thema Hochtechnologien wieder einen Ruf zu gewinnen.

Die Zauberworte heißen Materialien mit eigener Identität, elektronische Signatur und Radiofrequenz-Identifikation. "Die elektronische Signatur ermöglicht zum Beispiel rechtsverbindliche Onlinegeschäfte", erläutert Paeschke. Auch geistige Wertschöpfungen wie Texte im Internet könnten damit geschützt werden.

Der Personalausweis der Zukunft hat nach Vorstellung der Druckerei die Größe einer Kreditkarte sowie ein gemeinsam mit dem Unternehmen Samsung entwickeltes Farbdisplay. Über das Display können unterschiedliche in der Karte gespeicherte Informationen angezeigt werden, beispielsweise das sich drehende Passbild. Die Ausweiskarte der Zukunft funktioniert wie ein Touchscreen: Auf Fingerdruck ändert sich die Anzeige des Displays und öffnet unter anderem die Adresse des Kartenbesitzers.

In Arbeit ist auch die Automotive Card. Darauf können im Display das eigene Auto in 3D, das Datum der Hauptuntersuchung, das neue Kfz-Kennzeichen und Ummeldungsdaten angesehen werden.

Daten sind geschützt

Lesbar sind die mit veränderlichen Daten gespickten Karten durch Antennen. Sensible Daten sind allerdings geschützt. Nur wer die Berechtigung zum Auslesen hat, kann auf sie zugreifen, beispielsweise Grenzbeamte. Und auch sie haben dann nur auf für sie relevante Eintragungen Zugriff.

Künftige Ausweise kommen ohne eigene Batterien aus. Sie werden durch das Lesegerät aktiviert. Die Zukunftsvision von Paeschke: Irgendwann werden gar keine Lesegeräte mehr benötigt, der Ausweis ist wie ein Kleinst-PC lesbar.

Der "gläserne Bürger" soll mit den künftigen Dokumenten aber nicht entstehen, vielmehr sollen persönliche Daten besser denn je gesichert sein, heißt es. Überhaupt wünscht sich Paeschke weniger Vorurteile in der deutschen Gesellschaft gegen Innovationen. Andere Länder seien weiter und interessierten sich schon konkret für die Zukunftstechnologien aus der Druckerei. Den aktuellen Bond-Film "Ein Quantum Trost" findet Paeschke übrigens langweilig. "Zu wenig Erfindungen", bemängelt er. Und vor allem fehle ihm der Tüftler "Q".