Frankfurt : Schock nach antijüdischer Randale

In Frankfurt an der Oder dachte man lange Zeit, man habe Neonazis erfolgreich die Stirn geboten. Doch seitdem rechte Jugendliche das Mahnmal für die ermordeten Juden schändeten, steht die Stadt unter Schock.

Frankfurt - "Hier stand die Frankfurter Synagoge, die im Jahre 1938 von Faschisten zerstört wurde." Die Gedenktafel auf dem Brunnenplatz mitten im Frankfurter Zentrum ist von ungezählten Blumengebinden bedeckt. Vor dem Stein brennen Kerzen. Rund 150 Menschen - Vertreter aller Parteien und Gruppierungen der Stadt - kamen hier zusammen, um gegen die Krawalle von Donnerstagabend zu protestieren. Nach einer Gedenkstunde zur Pogromnacht von 1938 hatten hier rechtsgerichtete Randalierer die niedergelegten Blumen zertreten und weggeworfen. Die Polizei nahm 16 Verdächtige im Alter von 16 bis 24 Jahren fest.

Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) zeigt sich "zutiefst schockiert" von dem Vorfall. Zur Zeit, als der Mob über den Platz direkt neben dem als Einkaufs- und Verwaltungszentrum bekannten Oderturm fegte, war er bei der Jüdischen Gemeinde der Stadt zu Gast, wie er berichtet. Dort habe er sich eine Ausstellung über die jüdische Geschichte Frankfurts angeschaut. Mitglieder der Gemeinde hätten ihm dabei versichert, dass sie gerne in Frankfurt leben.

Der religiöse Koordinator der Jüdischen Gemeinde, Vladimir Khazanow, bekräftigt das auf der Gedenkfeier. Er glaube, dass die Rechtsextremisten deutlich in der Minderheit sind. "Wir haben große Unterstützung durch die Brandenburger Bevölkerung", sagt er. Die 1998 wieder gegründete Gemeinde hat nach seinen Angaben inzwischen 230 Mitglieder, hauptsächlich Einwanderer aus GUS-Republiken. Damit wird an die jahrhundertlange jüdische Geschichte Frankfurts angeknüpft. Hier wirkte im 18. Jahrhundert der Rabbiner Joseph Teomin, der die Kommentare zu den jüdischen Speisegesetzen verfasste. Auch der als Pionier des industriellen Bauens geltende Konrad Wachsmann, der 1941 wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA fliehen musste, war 1901 in Frankfurt geboren worden.

Netzwerk gegen Rechts soll reaktiviert werden

Es handle sich um den ersten rechtsextremistische Zwischenfall in der Stadt seit längerer Zeit, sagt Patzelt. Es sei daher notwendig, kommunale Netzwerke gegen Rechts schnellstens wieder zu aktivieren. Er erinnert dabei an den 1998 gegründeten Arbeitskreis "Miteinander leben", in dem Vertreter von Stadtverwaltung, Europa-Universität, Vereinen und Initiativen zusammenwirkten. Der Arbeitskreis hatte unter anderem aus Protest gegen einen Neonazi-Aufmarsch 1999 ein multikulturelles Fest organisiert.

"Wir hatten damals Erfolg mit unseren Aktionen", sagt der Oberbürgermeister. Neonazistische Übergriffe habe es in der Stadt lange nicht mehr gegeben. "Das hat uns etwas eingeschläfert", räumt er ein. Die "frevelhafte Tat" vom Donnerstagabend sei ein "sehr herber Rückschlag". Aber er denke, dass dies die Menschen in der Stadt wachrüttelt.

Es gebe schon lange Aktivitäten, in Frankfurt die rechtsextremistische NPD wieder zu aktivieren, entgegnet der Landtagsabgeordnete Frank Hammer von der Linkspartei. Die Warnungen seien bisher nicht ausreichend gehört worden. "Wir müssen zeigen, dass wir dies nicht hinnehmen", sagt Hammer. Auch Patzelt gibt sich ungeachtet aller Bestürzung über die nächtlichen Krawalle kämpferisch: "Ich werde 100 Mal wiederkommen und immer wieder Blumen niederlegen und Kerzen aufstellen." (Von Jörg Schreiber, ddp)

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