Frankreich : Heftige Streikwelle gegen Sarkozys Reformen

Beim ersten Streik der französischen Gewerkschaften gegen die Reformpolitik von Präsident Nicolas Sarkozy zeichnet sich eine sehr starke Beteiligung ab. Der gesamte öffentliche Nahverkehr ist drastisch eingeschränkt.

Streik in Paris
In Paris wird gegen die Rentenreform gestreikt. -Foto: AFP

ParisMit dem schwersten Bahn- und Nahverkehrsstreik seit Jahren haben Frankreichs Gewerkschaften die Machtprobe mit Präsident Nicolas Sarkozy gesucht. Am Morgen und am Vormittag war der Verkehr landesweit "sehr beeinträchtigt", wie die Staatsbahn SNCF mitteilte. Demnach fuhren kaum Hochgeschwindigkeitszüge.

In Paris verkehrten nur zu den Stoßzeiten am Morgen einige wenige Pendlerzüge, U-Bahnen gab es kaum. Um die Hauptstadt bildeten sich 165 Kilometer Stau. Auch in dutzenden anderen Städten wie Marseille kam es zu deutlichen Störungen. Der Protest fünf Monate nach dem Amtsantritt Sarkozys richtet sich gegen die geplante Abschaffung der Frührente bei Staatsunternehmen. Zuletzt hatte vor zwölf Jahren eine Regierung versucht, dieses Privileg zu kippen. Damals lag das ganze Land fast drei Wochen lang lahm, bis die Regierung schließlich von dem Vorhaben abließ.

Sozialisten unterstützen Streik

Bisher können Beschäftigte bei der Bahn, den Pariser Verkehrbetrieben und den Energieversorgern EDF und GDF teils schon mit gut 50 Jahren in Rente gehen; die konservative Regierung will nun die Lebensarbeitszeit von durchschnittlich 37,5 auf 40 Jahre erhöhen, um die Finanzierung des Systems zu garantieren, das den Staat jährlich rund fünf Milliarden Euro kostet. Betroffen sind 1,6 Millionen Menschen, von denen 1,1 Millionen bereits in Rente sind. Bei Ruheständlern will die Regierung die Rentenanhebung verändern, was laut den Gewerkschaften einer Kürzung gleichkommt.

Der Chef der Gewerkschaft CGT, Bernard Thibault, sagte, die Beschäftigten hätten keine andere Wahl gehabt. Die Regierung habe sie vor vollendete Tatsachen gestellt und verweigere den Dialog. Die Sozialisten als größte Oppositionspartei unterstützten den Streik. Eine Reform der bisherigen Rentenregelung sei aber nötig, sagte Ex-Premier Laurent Fabius am Mittwochabend. "Das ist unbestreitbar. Wir brauchen eine Reform, es hängt aber davon ab, wie man sie macht." Die Regierung sei nicht wirklich zu Verhandlungen bereit.

Flugverkehr blieb unbeschadet

Die acht Bahngewerkschaften, die sich erstmals seit 1995 auf einen gemeinsamen Streik einigen konnten, wollen bis Freitagmorgen um acht Uhr die Arbeit ruhen lassen. Drei kleinere Gewerkschaften schlossen auch eine Verlängerung nicht aus. Am Montag wollen alle gemeinsam über das weitere Vorgehen beraten. Der Streik bei den Beschäftigten des Stromversorgers EDF und des Gaskonzerns GDF blieb für die meisten Franzosen dagegen kaum spürbar. Privatkunden waren nicht betroffen davon.

Anders als befürchtet kam es nicht auch zu Behinderungen im Flugverkehr, weil Mitarbeiter von Fluggesellschaften und Airports nicht zur Arbeit kommen konnten. Wie die französische Luftfahrtbehörde DGAC mitteilte, lief die Abfertigung an den beiden Pariser Flughäfen Roissy und Orly "vollkommen normal". Flugpassagiere mussten allerdings mit dem Taxi oder Bus zu den Flughäfen in der Hauptstadtregion fahren, weil die Bahnverbindungen ausfielen. (mit AFP)