Frankreich : Jugendkrawalle: Rebellion oder "Gaunerherrschaft"?

Nach den Krawallnächten in Pariser Vorstädten werden die Scherben zusammen gekehrt und nach den Ursachen gesucht: Für Frankreichs Präsident Sarkozy ist die Sache klar: Den jugendlichen "Gaunern" fehlt die harte Hand des Staates.

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Parole Durchboxen?

ParisNicolas Sarkozy hat Kriminelle für die jüngsten Straßenschlachten in Pariser Vorstädten verantwortlich gemacht. "Was in Villiers-le-Bel passiert ist, hat nichts mit einer Gesellschaftskrise zu tun, sondern mit einer Gaunerherrschaft", sagte Sarkozy bei einer Grundsatzrede zur inneren Sicherheit. In den nördlichen Vororten der Hauptstadt sollen rund tausend Polizisten auch in den kommenden Tagen für Ruhe sorgen, wie Innenministerin Michèle Alliot-Marie ankündigte. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte vor einer ähnlichen Entwicklung in Deutschland.

Sarkozy sagte in seiner Rede vor rund zweitausend Polizisten im Pariser Geschäftsviertel La Défense, er weigere sich, "in jedem Straftäter ein Opfer der Gesellschaft" zu sehen. Die Lage in den Vororten sei zwar "eine größere Herausforderung" für Frankreich, und die Regierung bereite derzeit "eine neue Politik" vor. Es könne aber nicht richtig sein, dafür noch mehr Geld "zu Lasten der Steuerzahler" lockerzumachen, sagte der Präsident. "Die Antwort auf Aufruhr ist die Festnahme der Aufrührer."

Polizei: Lage in den Pariser Vorstädten nahezu normal

Ein Polizist, der bei den nächtlichen Ausschreitungen zu Beginn der Woche verletzt wurde, habe ein Auge verloren, sagte Sarkozy. "In einer Republik und in einer Demokratie setzt man keine Schusswaffen gegen Einsatzkräfte ein." Die Regierung werde alles tun, um die Schützen zu finden. Sie sollten eine Strafe bekommen, die ihren Taten entspreche. Tags zuvor hatte der Staatschef angekündigt, die Täter würden sich "vor dem Schwurgericht wiederfinden".

Die Lage in den nördlichen Vorstädten von Paris beruhigte sich angesichts des massiven Polizeiaufgebots weiter. In der Nacht war sie "nahezu normal", wie die Behörden mitteilten. Jugendliche Krawallmacher hätten aber immer noch einige Dutzend Mülltonnen und Autos in Brand gesteckt. Immerhin hätten keine Häuser gebrannt, und es seien keine Polizisten verletzt worden. Innenministerin Alliot-Marie sagte nach Sarkozys Rede, das Polizeiaufgebot in Villiers-le-Bel und den angrenzenden Vororten solle vorerst bestehen bleiben, "bis die Lage vollkommen und dauerhaft stabilisiert ist".

Schäuble sieht in deutschen Vorstädten andere soziale Voraussetzungen

Die Staatsanwaltschaft von Pontoise hatte am Vortag Ermittlungen wegen versuchten Mordes in zwei Fällen eingeleitet, nachdem jugendliche Krawallmacher die Polizei mit Schrotflinten beschossen hatten. Die Ausschreitungen waren durch den Tod von zwei Jugendlichen ausgelöst worden, die mit ihrem Minicross-Motorrad mit einem Polizeiwagen zusammengestoßen und gestorben waren.

"Wir müssen darauf achten, dass sich nicht auch bei uns sozialer Sprengstoff aufbaut und in Gewalt entlädt", sagte Bundesinnenminister Schäuble der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". "Wir müssen das ernst nehmen." Bund, Länder und Gemeinden arbeiteten mit Nachdruck daran, Probleme abzubauen - nicht nur, was die Eingliederung von Einwanderern angehe. Schäuble wies aber auch darauf hin, dass es in deutschen Vorstädten "zum Glück" nicht dieselben städtebaulichen und soziologischen Probleme gebe wie in Frankreich. (mit AFP)