FREIE Sicht : Allgemeine Bildung?

20 Kunden einer kleinen Autowerkstatt erhalten Rechnungen über Leistungen, die bestellt aber noch nicht erbracht sind. Anrufe beim Chef: Unverständnis, Ärger, Stammkunden, die die Werkstatt wechseln. Ursache: Die Dame aus dem Büro hatte gerade Zeit und deswegen schon einmal die Rechnungen verschickt. Die Dame ist Tochter des Chefs, gerade Abitur gemacht, kein Studienplatz. „Dann hilfst du erstmal im Büro.“ Schwierigkeiten mit dem wirklichen Leben? Also lieber studieren? Vielleicht Kunstgeschichte oder Kommunikationsdesign?

Keine Vorurteile bitte. Aber etwas ist schiefgelaufen in der Schule. Was fehlte in den Curricula, in denen fast alles steckt, was die Wissenschaften von der Molekularbiologie bis zur Linguistik zu bieten haben, von Robert Koch bis Martin Walser oder so. Fast alles, aber nicht: Umsicht, Voraussicht, Rücksicht, Übernahme der Perspektive des Anderen, Respekt, Toleranz, die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, die Unterscheidung zwischen Wettbewerb und Nahkampf, zwischen Kritik und Vernichtung, zwischen gestern, heute und morgen und zwischen gut und schlecht. Und schon gar nicht: Wirtschaftliche Sachverhalte, Grundzüge des Rechts, elementare Krankheitserkennung und Selbstmedikation, Fehlersuche und Reparatur bei Maschinen des alltäglichen Lebens …

Also mehr Fächer, noch mehr Stoff? Noch mehr Belastung? – Keineswegs, es geht nicht um mehr (auch wenn die Ganztagsschule neue Möglichkeiten gibt), sondern um das Richtige. Eine alte Debatte. Im 19. Jahrhundert wurde bereits die „Überbürdung“ der Schüler und Schülerinnen befürchtet und noch in der frühen Bundesrepublik gegen die vermeintliche Stofffülle gekämpft. Und dann gab es „Bildungstheorien“, die es erlauben sollten, eben jenes „Richtige“ zu wählen. Zum Beispiel nur das, was „klassisch“ sei oder nur das, was wissenschaftlich ist oder alles, was geeignet ist, im späteren Leben, in Beruf oder Familie „funktional“ zu sein. Alle 30 Jahre wird diese Debatte geführt, aber immer zu spät. Die letzte fand in den 70er Jahren statt. Das Motto hieß: Mehr Wissenschaft und Wissen statt Agraridylle und heile Familie. Emanzipation und Kritik statt Anpassung.

Das war richtig damals. Jetzt ist die nächste Lehrplanrevision fällig. Es wird nicht genügen zu sagen, man solle das Lernen lernen, weil alles andere zu viel sei. Eine bequeme Ausrede, nichts wirklich wissen zu müssen. Ihr Motto könnte vielleicht heißen: Mehr Lebenstüchtigkeit auf der Grundlage von Wissen und Wissenschaft statt „Just for fun“ – und vor allem: Kein Lehrplan für alle, sondern: Den richtigen Lehrplan für jeden. Keine leichte Aufgabe, aber eine notwendige.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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